Beiträge von Campino

    Disco "99Grad" - 22:30 Uhr

    Der Parkplatz der angesagten Szenedisco in Köln war erst halb gefüllt, als der graue Mercedes zwischen zwei anderen Wagen einen Platz fand. Der junge Mann, der aus dem Wagen ausstieg, blickte sich um, fuhr sich mit einer Hand durchs dunkle, etwas wuschelige Haar und wartete, bis seine weibliche Begleitung ausgestiegen war. Zusammen gingen sie, Hand in Hand, in Richtung des Einganges, wo ein breiter Türsteher jeden Gast aufmerksam beäugte. Leute, die schon betrunken waren oder eindeutig auf Krawall gebürstet würden hier keinen Zutritt erfahren, denn alles was die, in Drogenkreisen bekannteste, Disco der Stadt nicht brauchte, waren Polizeieinsätze aufgrund von Schlägereien, denn meistens hängte sich dann unangekündigt die Drogenfahndung hinten dran um eine kleine Razzia durchzuführen.
    Ben und Jenny wurden vom Türsteher quasi durchgenickt, bezahlten Eintritt und erhielten beide einen Stempel auf die Handfläche, als Eintritt für den heutigen Abend falls sie die Disco mal verlassen sollten. Das Wummern der modernen Musik dröhnte bereits durch den schmalen Gang in die Ohren der beiden, einige Lichteffekte in Rot und Grün blendeten sie. Jenny hatte ein unangenehmes Gefühl, sie wurde angerempelt, zufällig im Gedränge berührt bis sich die beiden an den Tresen vorgearbeitet hatten. Währenddessen umgriff sie Bens Hand fester und fester...

    Der junge Polizist musste seine Kollegin nicht überreden. Er wusste genau, dass sie sofort mit ihm mitkommen würde, weil sie selbst Kevin gerne helfen wollte, und so erzählte er ihr quasi beiläufig, nachdem Semir Feierabend gemacht hatte, dass dieser nicht in die Disco gehen würde, weil die beiden auffallen würden. "Dann komme ich mit dir.", hatte Jenny sofort gesagt, trotz ihrer Bedenken dass gewisse Erinnerungen wieder nach oben kommen würden. Doch noch hatte sie ihre Gedanken unter Kontrolle, als Ben zwei Getränke bestellte.
    "Was hast du jetzt vor.", rief Jenny ihm direkt ins Ohr, um gegen die Lautstärke der Musik anzukämpfen, aber trotzdem nicht so laut war, dass andere um sie herum mitbekamen, was sie sprachen. Ben beugte sich ebenfalls zu ihr nach vorne und konnte noch den Duft ihres Haarshampoos und des Parfüms vernehmen. "Abwarten, beobachten. Irgendwo wird ja mal einer in die Jackentasche greifen, Geld bekommen und Päkchen verteilen. VIelleicht auf dem Klo, keine Ahnung. Und dann fragen wir nach Mark." Jenny überkam der Ekel, als sie den Namen nur hörte, doch sie ließ sich nichts anmerken, nickte und zog am Strohhalm ihres süßen Getränkes. Mit dem Fuß wippte sie mit der Musik, sie schauten sich um, redeten aber immer mal belangloses Zeug miteinander um nicht als reine "Umherschauer" anderen aufzufallen. Es waren viele junge Leute da, Ben fühlte sich älter als er wirklich war und bemerkte dass Jenny gut auch noch als 18jährige durchging, obwohl sie schon 25 war. In ihrer Jeans und dem figurbetonten Top, dass nur knapp bis über den Gürtel ging sah sie wirklich anziehend aus, fand er und war verwundert, dass ihm das gerade jetzt zum ersten Mal auffiel.

    Der DJ war nicht besonders einfallsreich, so lief fast immer die gleiche Musik zu den gleichen Beats. Irgendwann gingen die beiden auch mal auf die Tanzfläche um nicht ausschließlich an der Bar zu sitzen, dann beugte sich Jenny zu Bens Ohr und sagte: "Ich geh mal auf die Toilette." Sie strich ihm dabei kurz über den Arm, dann kämpfte sie sich durch die, immer voller werdende, Disco zu den beiden Türen am hinteren Teil des Tanzraums.
    Eine unangenehme Mischung aus Schweißgeruch und Putzmittel kam ihr entgegen, als sie die Tür zur Toilette aufmachte. Nachdem sie die Kabine wieder verließ, wusch sie sich die Hände, richtete sich die Haare ein wenig und zog ihren dezenten Lippenstift nach. Ein Mädchen, vielleicht gerade mal 16 oder 17 stand neben ihr, öffnete ein kleines Döschen und warf sich eine Pille ein... ungeniert, ohne darauf zu achten dass sie beobachtet wurde. Sie lächelte Jenny an, ihre Augen waren bereits leicht glasig. "Kann ich mal deinen Lippenstift haben?", sagte sie und die junge Polizistin fand, dass ihre Stimme nicht mehr alzu nüchtern klang. Trotzdem nickte sie und übergab ihr den LIppenstift, mit dem das junge Mädchen sich dann wieder frisch machte.
    "Was hast du denn da?", fragte Jenny mit gespielter Neugier. "Hmm?", schien das Mädchen nicht sofort zu bemerken, auf was die junge Frau hinauswollte, also machte sie eine eindeutige Nickbewegung zu dem kleinen Döschen, das noch auf dem Waschbecken stand, dass das Mädchen aber dann sofort umklammerte. "Ach... nur ein bisschen Speed, um nicht so schnell müde zu werden?" Dann lächelte sie wieder und schob den Lippenstift zu Jenny zurück. "Willst du was?" Jenny blickte sich um, sie überwand ihren eigenen Schweinehund den Namen auszusprechen. "Ich warte schon den ganzen Abend auf Mark, damit er mir was verkauft... ist er nicht da?" Das Mädchen dachte kurz nach: "Meinst du Schneider?" Die Polizistin nickte sofort, spürte dabei ihre eigene Gänsehaut auf den Armen. "Der war die letzten zwei Tage schon nicht da. Komm mit, wir gehen zu Harry... der verkauft dir was."

    Mit unsicheren Schritten ging das Mädchen voraus, wieder durch das zuckende bunte Licht und die, sich langsam hin und her bewegende Menschenmasse. Sie gingen an der Bar vorbei nach hinten, wo das Gedränge ein wenig lichter wurde, und steuerten auf einen recht klen wirkenden jungen Kerl, der seitlich an der Wand lehnte und sich unterhielt. "Eeeey, Harry.", rief das Mädchen quietschend und drückte dem Mann, der vielleicht in Jennys Alter war, aber einen halben Kopf kleiner einen Kuss auf die Wange. Wirklich begeistert schien Harry nicht zu sein, aber er rang sich dennoch ein Lächeln ab. "Sitzt du schon wieder trocken, Mädchen?", fragte er mit einer eigenartig hellen Stimme, doch das Mädchen schüttelte den Kopf. "Sie sucht Mark, aber der ist nicht da." Harry blickte zu Jenny, blickte die junge Frau von Kopf bis Fuß an, was ihr extrem unangenehm war... Harry schien zu gefallen, was er sah. "Das tut mir Leid, Süße.", sagte er grinsend. "Aber Mark wird nicht mehr kommen?" Der vermeintliche Drogendealer lachte auf, und sofort setzen sich Gedanken in Jennys Kopf frei... der Dealer würde sicherlich nicht lachen, wenn sein Dealer-Kollege von einem wildgewordenen Polizisten totgeprügelt wurde. "Na, weil er eben nicht mehr kommt. Er ist aus dem Geschäft... ausgestiegen." Auch das letzte Wort betonte Harry eigenartig, und eine gewisse Form von Erleichterung machte sich in Jenny breit. Sprach das für Kevins Unschuld? Dafür, dass Schneider vielleicht von seinem eigenen Ring umgebracht wurde? Die Polizistin bekam vor Aufregung feuchte Hände.

    "Na, was brauchst du denn?", fragte Harry dann irgendwann, denn er schien eine weitere Kundin zu wittern. "Na... ein paar Muntermacher wären nicht schlecht." Jenny fühlte sich aufgeregt, sie war nie bei Zielfahndern gewesen, die diese Scheinkäufe öfters machen, aber sie war bei einem Lehrgang. Und sie wusste auch, dass sie selbst keinerlei Drogen konsumieren durfte, manchmal war es jedoch nötig. "Hast du sowas schon mal genommen? Speed, Ecstasy?", fragte der Mann und hielt dem Mädchen ein Döschen mit bunten Pillen hin. "Na klar...", log die Polizistin und versuchte so überzeugend wie möglich zu sein. "Dann... bitte." Jenny begriff... probieren, dann kaufen. Eine Absicherung für so manchen Drogendealer, es eben nicht mit einem Zielfahnder zu tun zu haben. Die junge Frau blickte sich um, langte in das kleine Röhrchen und schluckte eine der bunten Pillen. Harry schien zufrieden. "100 Euro." "Für ein einziges Döschen?", fragte Jenny fassungslos... sie hatte nur 50 Euro dabei. Auch das junge Mädchen, das noch dabei stand, machte große Augen. "Mir verkaufst du sie immer für 50..." "Das ist Stammkundenrabatt, Süße. Aber du...", er blickte nochmal über Jenny "...könntest natürlich auch anders bezahlen."
    Jennys Herz schien in die Hose zu rutschen, ihr Hände schienen noch feuchter als vorher... doch das Grinsen verschwand aus Harrys Gesicht, als sich eine große Hand auf seine Schulter legte, und ein weiterer 50 Euro Schein von hinten vor seinen Augen hing. "Ich bin fast bereit dir 10 Euro für den Zahnarztbesuch zu spenden, wenn du meiner Freundin nochmal so ein Angebot machst.", sagte Ben, der zumindest die Preisverhandlung mitbekommen hatte, und klang dabei alles andere als freundlich, aber sehr überzeugend. Harry bemerkte, dass ihm der Polizist um mindestens einen Kopf überragte... und der Dealer war ein hervorragender Verkäufer, zog aber bei Konfrontation sofort den Kopf ein. Er lächelte, beinahe entschuldigend und nahm den 50 Euro-Schein von Ben, dann den zweiten Schein von Jenny und sagte: "Es ist nett, mit euch Geschäfte zu machen." Innerlich verfluchte er gerade den Polizisten...

    Ben nahm Jennys feuchte, eiskalte Hand und gemeinsam gingen sie von Harry weg. "Danke, dass du gekommen bist...", seufzte sie, doch bevor sie erzählen konnte, meinte sie kurz angebunden... "Wir müssen mal schnell raus..." Ihre Schritte wurden schneller, sie zog Ben beinahe durch die Menschenmenge in Richtung Ausgang. "Was hast du denn?", fragte ihr Kollege etwas überrascht und befürchtete schon, dass diese kurze Situation ihre Erinnerungen geweckt hatten, und sie gerade einen emotionalen Zusammenbruch hatte.
    Doch dem war nicht so... natürlich kamen Erinnerungen hoch, doch Jenny fühlte sich an diesem Abend mental stark... und war erleichtert ob dem Eindruck, denn sie von Harrys Reaktion auf Schneider hatte. Jetzt hatte sie etwas anderes im Sinn, als sie an die frische, aber herrlich angenehm lauwarme Sommerluft kamen. Als der Weg vor ihr frei war, verfiel sie in einen leichten Laufschritt, steuerte auf eine dichte Gruppe Hecken zu, wo Ben dann verlangsamte und nochmal fragte: "Ist alles okay?" Er hörte noch ein kurzes: "Jaja" und musste dann erstaunt beobachten, wie Jenny sich nach vorne beugte, zwei Finger tief in den Hals steckte um damit einen Brechreiz auszulösen, was auch funktionierte. Die Polizistin erbrach einerseits ihr Abendessen, andererseits spürte sie auch sofort die kleine Pille mit herauskommen, was vordergründig ihr Ziel war... auch das lernte man bei dem Lehrgang eines Zielfahnders, wenn man beim Scheinkauf zum Drogenkonsum aufgefordert wurde. Möglichst nichts Rauchen, Schnupfen, auf keinen Fall Spritzen. Pillen zu schlucken war am günstigsten, weil man die ungefährlich wieder los wurde, bevor sie wirkten.
    Jenny stand noch kurz, etwas schwer atmend an den Hecken, spuckte nochmal aus, und wurde dann von Ben am Arm berührt. "Musstest du eine Pille schlucken?", fragte er mit ruhiger Stimme, und seine Kollegin nickte. Ben war stolz auf die junge Polizistin, und tätschelte sie vertraut an der Schulter. "Na komm, ich hab Wasser im Wagen.", meinte er und gemeinsam gingen sie zum Auto zurück.

    Dienstauto - 9:45 Uhr

    Ben blieb schweigsam, bis Bienert an seiner Dienststelle ausgestiegen war. Er sah aus dem Fenster heraus, sah die Landschaft an sich vorbeiziehen. Seine Gedanken waren bei Kevin... hinter hohen Mauern, hinter Stacheldraht. Sollte es das nun sein? Hatte er seine Freiheit geopfert, um Jenny zu helfen? Hat es Jenny überhaupt geholfen, dass Schneider jetzt tot war, und sie ihrem Peiniger vor Gericht nicht gegenüber treten musste? Er wusste es nicht. Er konnte sich nicht in Jenny oder in Kevin hineinversetzen. Im Grunde genommen konnte der junge Polizist gerade keinen einzigen klaren Gedanken fassen, denn er hatte die ganze Zeit vor Augen, wie sein Freund auf Schneider einschlug, um im final einen Stoß vor die Brust zu setzen. Und er sah Kevins eiskalte blaue Augen, die keinen Halt und keinen Skrupel fanden... so wie er Becker auf dem Dach gegenüberstand, die Waffe auf dessen Hals gerichtet, bereit abzudrücken mit einer kalten unheimlichen Entschlossenheit. Die Bilder hinterließen eine Gänsehaut bei ihm, er schüttelte sie innerlich ab und seufzte.

    "Komm schon Ben...", meinte Semir irgendwann, der die inneren Kämpfe seines Partners spüren konnte. Dabei tätschelte er ihn liebevoll am Knie, während die linke Hand am Lenkrad ruhte. "Wir haben es versucht. Wir geben noch nicht auf." Ben schaute zu Semir herüber, und er konnte das Gefühl nicht verleugnen, dass Semir längst mit der Hoffnung abgeschlossen hatte. Er wollte es seinem Freund nicht an den Kopf werfen, was er dachte. "Was willst du jetzt noch machen. In die Disko gehen?", sagte Ben und erschrak über die Hoffnungslosigkeit in seiner Stimme, gleichzeitig war es mehr ein Vorwurf. "Nein... da würden wir doch als zwei Typen, die nach Drogen fragen, sofort auffallen." Semir wirkte noch souverän, zuversichtlich aber es war in Bens Augen nur eine Hinhaltetaktik, weil er seine unangenehmen Gedanken nicht äussern wollte. "Wir müssen beobachten... abwarten. Auf Thomas vertrauen, dass wenn es in seinem Fall zu dem Drogenring neue Entwicklungen gibt, wir sofort informiert werden." Ben sah zu Semir herüber, er drehte sogar den Oberkörper leicht zur Seite. "Du willst einfach nur abwarten? Einfach mal schauen was passiert, während Kevin in Knast sitzt?" Semir spürte Bens Erregtheit sofort und wollte beschwichtigen. "Jetzt behalt doch bitte mal die Nerven. Wenn wir pausenlos ermitteln, schickt uns die Chefin in Urlaub, dann brauchen wir überhaupt nichts mehr tun. Ich will doch auch dass Kevin aus dem Knast kommt, aber wenn er nicht unschuldig ist, dann..." Seine Stimme verstummte. Jetzt hatte er doch das gesagt, was er eigentlich nicht sagen wollte, und Ben nickte bitter, als wäre er zufrieden. "Schon klar...", murmelte er nur und wandte sich wieder von Semir ab. Er würde sicherlich nicht tatenlos rumsitzen...


    JVA - 17:00 Uhr

    Jerry wartete bereits auf Kevin. Er lehnte in seiner, meist schnodderigen Kleidung an der Kellerwand, kurz vor der von ihm angesprochenen Tür. "Na, hat sich dein Kleiner Freund wieder beruhigt?", fragte er lächelnd, als der junge Polizist näher kam. Der nickte nur stumm... es hatte tatsächlich ein wenig gedauert bis Philipp sich wieder eingekriegt hatte, aber Kevin hatte ihm ruhig zugeredet und ihm versichert, dass jetzt endgültig jeder Bescheid wüsste, von ihm die Finger zu lassen. Das hatte den kleinen Kerl irgendwann überzeugt, dass er sich traute, alleine in der Zelle zu bleiben. "Du hattest schon immer einen Beschützer-Instinkt, mein Freund.", lachte Kevins alter Gang-Kumpel, bevor er in einer gewissen Abfolge an die Tür klopfte, die ihm sogleich geöffnet wurde.
    Ein Mann, groß und breit wie ein Schrank machte ihm auf. "Wer ist das, Jerry?", raunte er sofort mit Blick auf Kevin. "Ein Freund. Das ist okay." Knurrend ließ der Schrank die beiden eintreten, und Kevin sah sich um. "Das gibts ja nicht...", meinte er verblüfft. Es waren mehrere Tischreihen aufgebaut, an denen einige Gefangene saßen und es sah so aus als würden sie... stricken? Tatsächlich schnitten sie mit kleinen Scheren Teile von neu eingetroffenen Häftlingskleidungen, Bettbezügen und Leintüchern auf. "Die Drogen werden eingenäht, wir holen sie hier wieder raus. Wir haben über einige Beamte, die bei uns drin hängen, Kontakt zu einem Lieferanten. Ein lukratives Geschäft.", erklärte Jerry, als sie durch den Raum schritten. In einem zweiten Raum lagerten Päkchen mit Pillen, gedrehten Joints und kleinen Päckchen mit weißen Pulver.

    "Hast du zu mir nicht gesagt, du bist jetzt näher an der Quelle?", fragte Kevin während er im Lagerraum Hendrik erkannte... der Typ, der seinen Wachhund Yanek im Pausenraum auf ihn gehetzt hatte. "Richtig... näher an der Quelle der Gefängnisversorgung. Oder hast du gedacht, wir kochen die Kacke hier drin." Jerry lachte laut auf. "Wir sind nicht bei Breaking Bad." "Und das fällt hier unten keinem auf?" Kevin empfand es als kühn, ein Dealerlager direkt im Knast aufzubauen... aber es schien ja zu funktionieren. "Einige Wärter sind natürlich ebenfalls bei uns "angestellt", um ihr mieses Beamtengehalt ein wenig zu erhöhen. Und der Beamte, der die Dienstpläne macht." Der junge Polizist nickte beinahe anerkennend und murmelte ein "Nicht schlecht.", während er sich weiter umblickte.
    Als Hendrik die beiden erblickte, stieg ihm die Zornesröte ins Gesicht, und er kam mit schnellen Schritten zu den beiden. "Sag mal Jerry, hast du was am Sender?", fuhr er seinen Mitarbeiter an. "Hier einfach einen Neuen reinzubringen, ohne mit mir zu reden?" Dann wandte er sich an Kevin, noch bevor Jerry einen Ton sagen konnte. "Wenn dir dein Leben lieb ist, dann verschwinde in weniger als zwei Sekunden, und vergiss dass du jemals hier gewesen warst." "Langsam Hendrik.", unterbrach ihn Jerry nun doch, denn er wusste dass Kevin im gleichen Ton antworten würde. "Ich kenne Kevin seit er 14 ist. Er war früher bei uns in der Gang, und er kennt das Geschäft." Hendrik schaute den jungen Mann von oben bis unten an. Es hat ihn durchaus imponiert, dass er gegen Yanek keine Angst hatte, und sich wehren konnte, aber Neuen gegenüber war der Anführer der Gang erstmal skeptisch eingestellt... und Kevin kannte er eben nicht.

    "Und du hälst den Kopf für ihn hin?", fragte er grummelnd an Jerrys Adresse, der sofort nickte. "Für Kevin lege ich meine Hände ins Feuer." Kevin befiel bei diesem Satz ein Schaudern... dass Jerry soviel Vertrauen in ihn hatte, obwohl sie sich so lange nicht gesehen hatten. Es tat dem jungen Polizisten jetzt schon weh, seinen alten Freund enttäuschen zu müssen, früher oder später. "Na schön... erklär ihm, was er zu tun hat." Mit diesen Worten trollte sich Hendrik nach draussen, und Jerry klopfte seinem jungen Kollegen auf die Schulter. "Keine Bange, du wirst hier nicht stricken müssen. Du machst das Gleiche wie früher... verkaufen, möglichst ungesehen... und Geld eintreiben. Das kannst du doch noch." Kevin grinste und meinte nur: "Kein Problem." "So kenne ich dich." Jerry lachte, machte eine Kopfbewegung um anzudeuten, wieder nach draussen zu gehen. "Und welche Beamte draussen hängen hier noch so mit drin?", fragte der Polizist beinahe beiläufig und so uninteressiert wie möglich. "Ganz verschieden. Einige Kommissarsanwärter, einige von der Drogenfahndung, Diebstahldezernat und so weiter. Überall verdient sich der ein oder andere was dazu. Sie stellen meist die Kontakte her." Als Kevin das Wort "Kommissarsanwärter" hörte, klingelte es sofort in seinem Kopf, und er spürte sofort wieder ein klein wenig Wut in sich aufsteigen...

    Vor der JVA - 9:15 Uhr

    Bienerts Gesicht war verkniffen, als er im leichten Jackett wieder in die Sommersonne trat, und dabei die Augen zusammenkneifen musste, weil die Sonne in blendete. Nur eine Stunde in den dunklen Räumen des Gefängnisses reichten aus, um den warmen Planeten gleich noch heller erscheinen zu lassen. Er fühlte sich innerlich zerissen, denn Kevin war ihm nicht egal. Er wusste, was für den jungen Polizisten auf dem Spiel stand, wenn er in der Drogengang im Gefängnis weiter ermittelte. Er hatte keinen Schutz, er war Freiwild, er war ein einfacher Gefangener. Kein Wärter würde bei ihm verstärkt eingreifen, wenn es brenzlig wurde. Ausserdem bestand die Gefahr, dass man ihm eine Verbindung zu Schneiders Drogengeschäften nachweisen könnte, und somit ein weiteres Motiv hätte, was für Kevins Zukunft unangenehme Folgen hätte... eventuell würde man dann doch auf Mord plädieren und den jungen Polizisten lebenslänglich wegsperren.
    Aber die Chance, den Drogenring auszuheben, war nun größer als zuvor. Wenn Kevin wirklich ehemalige Freunde da drin getroffen hatte, die Vertrauen in ihn haben und nichts von seinem Job wissen, wäre das quasi ein Hauptgewinn. Hebt man das Nest des Drogenrings aus, würde man auch den Mord an Schneider jemand anderes nachweisen können... zur Not mit getürkten Beweisen in einem riesengroßen Verfahren, und Kevin wäre aus dem Schneider. Trotzdem ließ Bienert die Sorge um die negativen Konsequenzen erstmal nicht los.

    Er steuerte zielgerichtet einen silbernen BMW an, der auf dem Parkplatz der JVA wartete. Darin saßen Semir und Ben, die gespannt auf Thomas Bienert warteten und bereits ungeduldig waren. Ben drehte sich sofort zu Bienert nach hinten um, als dieser die Tür hinter sich schloß. "Und?", fragte er sofort und neugierig. "Was hat er gesagt?" Der erfahrene Drogenfahnder rieb sich mit den Fingern über die Lippen. "Eigentlich nicht besonders viel... er hat Schneider geschlagen. Mehrfach und, wie er sagt, unkontrolliert, denn er kann sich nicht erinnern, wie oft er geschlagen hat, und ob er auf die Brust geschlagen hat oder nicht." Den beiden Polizisten wurde es mulmig... Kevin war also wirklich ausgetickt. Diesmal war niemand da, der ihn hätte abhalten können, niemand in Gefahr, dem er hätte helfen müssen anstatt seiner Wut und Rache freien Lauf zu lassen, wie es damals bei Peter Becker, dem Mörder seiner Schwester der Fall war. Semir sah resignierend zu Ben, in ihm schwindete weiter die objektive Hoffnung. "Er wusste nichts von Schneiders Drogengeschäften, aber er hat die Zahlen auch gekannt, und bestätigt dass sie aus dem Drogenring stammen, in dem er ermittelt hat.", erzählte Bienert ruhig und ernst weiter.
    Ben fuhr sich durch die wuscheligen Haare, als würde dies zu seiner Beruhigung beitragen. "Wie wirkte er? Mental?", fragte er dann, denn er wusste zwar dass Kevin nach aussen hin fiel auszuhalten schien, nach innen aber zerbrechlich und sensibel war. "Ich fand ihn erstaunlich ruhig.", sagte der Drogenfahnder, der viel mit Menschen zu tun hatte und eine, so sagte man, hervorragende Menschenkenntnis besaß. "Vor allem für jemanden, der scheinbar unschuldig des Mordes beschuldigt wird." Ben schaute verwirrt... war das ein versteckter Hinweis, dass Bienert nicht mehr an Kevins Unschuld glaubte?

    Semir brach diese Gedanken in einer konkreten Frage: "Was meinst du? Wirkt er auf dich wie jemand, der unschuldig im Gefängnis sitzt, oder wie jemand, der seine Strafe akzeptiert?" Bienert musste überlegen, Ben hing an seinen Lippen als schien er darauf zu warten, dass der erfahrene Ermittler die falsche Antwort gäbe. "Schwer zu sagen... er weiß zumindest, dass er Mist gebaut hat. Und ich glaube, er ist sich selbst nicht sicher, ob er Schneider wirklich getötet hat oder nicht." Er fing Bens Blick auf, der ihn quasi zu einer eindeutigen Antwort zwingen wollte, so eindringlich war er. "Ich denke, es war ein Unfall. Er wollte ihn nicht töten." Es klang wie ein Richterspruch, wie eine abschließende Analyse. "Hoffe ich zumindest.", schob er noch hinterher. Während Semir nur nickte drehte Ben sich fassungslos nach vorne. Er wollte widersprechen, ja einfach widersprechen gegen diese These... aber er wusste nicht mit was. Was sprach für Kevin, was konnte er als Grund anbringen, dass es eben weder Mord noch Todschlag war, sondern jemand anderes Schneider umgebracht haben muss. Er krallte die Hand in die Türhalterung auf der rechten Seite, sah verkniffen nach vorne und rieb die Zähne aufeinander. Sowohl Bienert als auch Semir spürten deutlich, dass der junge Polizist diese Meinung, diese Wahrnehmung nicht wahr haben wollte und einfach nicht glauben wollte, dass Kevin vielleicht zu Recht im Gefängnis saß. "Ich glaub das alles nicht...", murmelte er nur leise und sah benommen zum Fenster raus. Semir sah seinen Partner sorgenvoll von der Seite an, und so langsam begann er auch zu zweifeln... nicht nur in seinem polizeilichen sachlichen Kopf, sondern auch in seinem emotionalen Herzen...


    JVA - zur gleichen Zeit

    Jerry hatte an der Sicherheitsschleuse auf Kevin gewartet, als dieser von dem Verhör zurückkam. "Und? Hast du ihr von mir auch einen Kuss gegeben?", meinte er scherzhaft und legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. Kevin grinste übertrieben und sagte: "Das hätte mir der Typ übelgenommen." Jerrys Blick war eine stumme Frage... eher eine stumme Aufforderung rauszurücken, wer ihn besucht hat. "Bienert von der Drogenfahndung. Der hatte mich festgenommen, als ich das Zeug von Christian gekauft habe." "Und? Was wollte er so wissen?" Der junge Polizist sah seinen Kumpel von der Seite an. Es würde ihm schwer fallen, Freunde zu verraten, noch momentan war der Wunsch zurück in den Polizeidienst zu kehren stärker, als sein altes Leben wieder aufzunehmen. Gerade, nachdem er von Bienert erfahren hatte, dass Semir und Ben nach dem Mörder von Schneider suchten. Er hatte draussen jemanden... und er musste unbedingt wieder hier rauskommen. Aber das ging wohl nur, wenn er den Drogenring auffliegen ließ, und dann würde man auch die Sache mit Schneider irgendwie erklären können... ein Kampf, ein Unfall, im Zuge einer Befragung. Kevin musste über sich selbst lachen, wie mühsam er nach Hoffnungsschimmer und Strohhalmen griff.
    "Na komm.", sagte Jerry und knuffte seinen Freund. "Wenn du bei uns wieder mitmachen willst, musst du schon etwas kommunikativer sein." Kevin grinste ironisch, während sie Seite an Seite in Richtung Kevins Zelle gingen. "Der Typ fragt seit Tagen das gleiche... woher kenne ich Christian, welche Verbindung habe ich, und so weiter." Dann blickte er mit schiefen Kopf zu Jerry. "Aber du weißt ja, wie ich schweigen kann." Jerry nickte... ohja, das wusste er. Verbunden mit Kevins arroganter Schutztaktik konnte das jemanden in den Wahnsinn treiben.

    Als sie auf dem Flur waren, auf dem Kevins Zelle lag, konnten sie Geräusche hören. Sie kamen aus Kevins Zelle, es war ein, nein zwei dreckige kichernde Stimmen, und ein leises Wimmern. "Jetzt ist dein Hündchen nicht hier, um dir zu helfen.", keifte jemand. Das Lächeln verschwand sofort aus Kevins Blick und er begann die letzten Meter zu rennen, während Jerry im folgte.
    Der Anblick in der Zelle ließ ihm kurz den Atem stocken. Die zwei Häftlinge aus der Dusche hatten Philipp in die Mangel genommen. Sie hatten ihn gezwungen, sich mit dem Gesicht an die Wand zu stellen, nach vorne gebeugt sich mit den Händen von der Wand abstützend. Seine Jeans und Boxershorts hatten sie ihm runtergezogen und während der linke, kräftige Kerl gerade mit der Hand über Philipps Hintern strich hielt ihm der andere die Hände an der Wand zusammen, so dass sich der kleine Kerl so wenig wie möglich bewegen konnte... was die beiden vor hatten, war glasklar.
    Die beiden Typen regestrierten Kevins und Jerrys Anwesenheit allerdings zu spät, als dass sie hätten reagieren können. Sie sahen die Bewegung gerade aus dem Augenwinkel, und der grabschende Typ konnte in einem Sekundenbruchteil gerade noch sehen, wie ein Turnschuh angeflogen kam, und sofort spürte er einen warmen, stechenden Schmerz im Kopf. Durch die Wucht des Karatetrittes, den Kevin dem Typen verpasste, wurde er an die rechte Wand geworfen. Der junge Polizist ging sofort nach, und bevor der Typ benommen zu Boden gehen konnte, griff Kevin zu. Seine Hand legte sich um den Hals des Mannes, der die Augen weit aufriss.

    "Was hab ich euch gesagt?", zischte Kevin mit wütender Stimme und kalten entschlossenen Augen. Bevor der Kollege des Typen eingreifen konnte, wurde der bereits von Jerry festgehalten und auf eine der Pritschen geschubst. Jerry legte gestenreich einen Finger auf die Lippen, und als der Kerl Kevins Freund erkannte, fügte er sich. Er wusste, zu wem Jerry gehörte und wusste genauso was es hieß, sich mit diesen Leuten im Gefängnis anzulegen. Dass der Beschützer des kleinen Philipp Kontakt zu Jerry hatte würde bedeuten, dass sich niemand mehr trauen würde, Philipp was anzutun. Dummerweise waren sie die ersten, die das jetzt schmerzlich erfahren mussten.
    Vor allem der Grabscher selbst, der wild um Luft rang, und beide Hände um Kevins Handgelenk legte. "Wenn du ihn noch einmal anrührst.", erklang die kalte, fremde Stimme des Polizisten, der kurz davor stand, erneut die Kontrolle zu verlieren. "... bring ich dich um." Der Typ bekam Panik, weil keine Luft mehr in seine Lungen drang und er zu würgen begann. "Komm, es reicht. Er hats begriffen.", meinte Jerry in aller Ruhe, und zog an Kevins Oberteil, so dass der den Griff lockerte und den Typ mit einer Bewegung zu seinem Freund auf die Pritschte manövrierte. Philipp hatte sich hastig die Hose hochgezogen, als von ihm abgelassen wurde und verkroch sich neben der anderen Pritsche, wo er Kevin zitternd ansah.
    Jerry blickte auf die beiden Männer auf der Pritsche und mache nur eine ablässige Handbewegung. Er kannte Kevins Beschützerinstinkt, und dass er es nicht mitansah, wenn der kleine Philipp gequält wurde. "Der Kleine ist ab sofort tabu. Und das dürft ihr ruhig jedem erzählen, ist das klar?" Während der Erste sich die Lunge aus dem Leib hustete, nickte sein Freund hastig. "Und nun schwirrt ab.", gab Jerry ihnen den Tipp, schleunigst Leine zu ziehen.

    JVA - 08:30 Uhr

    Am Morgen, als die Sonne durch die Gitter der Zelle hineinschien, schien Kevin wieder eine Verwandlung durchgemacht zu haben, so erschien es zumindest Philipp. Nichts war mehr übrig von dem verzweifelten, resignierenden Mann, so wie er es gestern Abend im Bett empfunden hatte, als er von der verzweifelten Stimme so geschockt war. Kevin war wieder der, der er sein wollte, ein Rückhalt. Er packte Philipp freundschaftlich am Genick, als dieser aus Angst das Duschen schwänzen wollte. "Du kannst dich nicht immer rumschubsen lassen. Heute nachmittag gehen wir beide zusammen trainieren.", sagte der Polizist, als sie unter der Dusche standen.
    Als zwei weitere Männer in die Dusche kamen, verlor Philipp sofort die Farbe und wollte schon die Beine in die Hand nehmen, obwohl er gerade erst eingeseift war. Er spürte Kevins tadelnden Blick, und so duschte er ruhig weiter und sandte einige Stoßgebete zum Himmel. Die beiden Typen nahmen erst Notiz von Philipp, dann von Kevin... und verzogen sich zu den letzten Duschen... nicht ohne miteinander zu tuscheln und immer wieder Blicke mit den beiden auszutauschen. Offenbar hatte es sich seit gestern herumgesprochen, dass man den kleinen Philipp besser nicht mehr anfassen sollte, solange Kevin in der Nähe war. Er grinste ein wenig selbstzufrieden und nickte seinem kleinen Freund neben sich zu.

    Zum Frühstück traute sich Philipp dann doch nicht. Zuviele Leute waren im Frühstücksraum, und ausserdem mahnte ihn seine Erfahrung und sein schlechtes Gewissen, Kevin nicht in Gefahr zu bringen. Die Erinnerung an den Häftling, der ihm helfen wollte und totgeschlagen wurde, war immer noch präsent. So setzte sich Kevin mit seinem Tablett zu seinem alten Freund Jerry, der sofort lächelte. Sie wünschten sich guten Morgen, und der junge Polizist begann zu essen. "Na, da bekommst du wenigstens mal was auf die Knochen.", scherzte sein Nebenmann und knuffte Kevin in die Rippen.
    Sie redeten ein wenig über Jerrys Zeit im Knast, es war eher Smalltalk und nichts Wichtiges. Doch dann kam Jerry plötzlich mit einer Frage. "Nun sag mal... hast du Lust wieder bei uns mitzumachen? Bisschen was dazu verdienen, das Gefühl der alten Gang... zumindest teilweise... wieder zu haben?" Kevin sah den Mann mit den, oft warm wirkenden braunen Augen, an und nickte... und er spürte sofort, dass sein Nicken nicht ausschließlich aufgrund der Hintergedanken seines Jobs kam, sondern er von der Idee, die alten Zeiten nochmal aufleben zu lassen, irgendwie fasziniert fand. Er war selbst erschrocken über diesen Gedanken und versuchte ihn so schnell wie möglich wieder zu verdrängen. "Was hast du für mich zum Einstieg?" "Du kennst dich immer noch aus, hmm?" Jerry grinste. Es war immer noch eine Tradition, dass Neulinge sich in einer Gruppe erstmal beweisen müssten, doch Jerry griff Kevin an die Schulter. "Keine Angst, du musst dich bei uns nicht hochlaufen. Wir kennen dich schließlich, und das werden wir auch dem Boss beibringen. Wir treffen uns heute abend um 17:00 Uhr, und zwar im Keller. Die dritte Brandschutztür auf der linken Seite. Die Wärter, die dort aufpassen."... er stoppte seine Stimme kurz und grinste zwinkernd... "...kennen uns."

    Plötzlich verstummte Jerry, denn ein Wärter kam auf direktem Wege auf die beiden Männer am Tisch zu. "Peters? Mitkommen, du hast Besuch." Für einen Moment blickte Kevin ein wenig verwirrt, stand dann aber sofort auf um dem uniformierten Mann zu folgen. Mit Besuch hatte er jetzt erstmal gar nicht gerechnet, und sofort drangen ihm Gedanken durch den Kopf, wer das wohl sein könnte. Waren es Ben oder Semir? War es vielleicht sogar Jenny? Er konnte sein hoffnungsvolles Lächeln nicht verbergen, als er durch die Sicherheitsschleuse geleitet wurde, und er sich Jennys Lächeln vorstellte... oh könnte er sie nur wieder lächeln sehen, nach allem was passiert war. Konnte er ihr wenigstens jetzt für einige Minuten einen Halt bieten, ihr zuhören welche Gedanken sie sich machte, wenn sie alleine in ihrem Bett lag.
    Dass Kevin an den Besucherräumen vorbeigeführt wurde, und schnurstracks in einen Vernehmungsraum geführt wurde, verwirrte ihn dann aber doch. Als er durch die Tür schritt, war er beinahe enttäuscht. Nicht Jenny saß da, auch nicht Ben oder Semir... sondern Thomas Bienert. "Bitte, Herr Bienert. Soll ich dabei bleiben, oder...", fragte der Wärter pflichtbewusst, wurde aber sofort von Bienert, der sofort aufstand und Kevin die Hand schüttelte, unterbrochen. "Das wird nicht nötig sein, danke." Der uniformierte Mann nickte und zog die Tür hinter sich zu.

    Kevin setzte sich auf den Stuhl, Bienert gegenüber. Der sah ihm ins Gesicht, erkannte sofort die müden Augen und den Cut im Gesicht. "Wie geht es dir?", fragte er mit neutraler Stimme, als sei er Anwalt oder irgendein guter Freund. "Ging schon mal besser.", meinte der Polizist kurz angebunden. Bienert lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. "Na, dann erzähl mal." Kevin hatte die Hände gefaltet auf den Tisch gelegt, die Ellbogen an die Kante gestützt. Er sah Bienert nicht in die Augen, sondern sein Blick strich über die Tischoberfläche, als lägen dort die Worte, die er brauchte. Ihm war klar, dass Bienert alle Hintergründe wusste, ein Polizist wie Bienert kam an jede Akte, die er haben wollte. Er wusste mit Sicherheit auch von Jennys Vergewaltigung. "Ich... ich war bei Mark Schneider. Zuerst wollte ich ihn zur Rede stellen, aber er hat mich ausgelacht, und wortwörtlich gesagt, dass die Schlampe es doch auch wollte." Kevins Augen blickten auf, und Bienert blickte in eine Eiseskälte. "Dann habe ich zugeschlagen." Der Drogenfahnder hielt dem Blick stand, und ausser den Lippen regte sich kein Muskel bei den beiden Männern. "Wie oft?" "Bis er am Boden lag." Die Stimme des Polizisten erschien Bienert fremd, ferngesteuert, als sei er damals nicht im Beisein seiner Sinne gewesen. Sicherlich war das eine emotionale Ausnahmesituation, doch ein wenig geschockt war Bienert schon, denn er hatte sich über die Verletzungen von Schneider informiert. "Hast du ihm auf die Brust geschlagen?" Kevin seufzte, der Blick senkte sich kurz. "Ich weiß es nicht... nicht bewusst... vielleicht... ich weiß es wirklich nicht. Ich hab nicht nachgedacht. Ich hab ihm auf die Leber geschlagen, auf die Rippen im Gerangel... ich weiß nicht, ob ich diesen Brustschlag angewendet habe." Er schüttelte zur Verdeutlichung den Kopf... "Ich weiß es wirklich nicht."

    Bienert verzog den Mund und lehnte sich nach hinten. "Mann Kevin...", sagte er resignierend. "Sieht nicht gut für mich aus, hmm?" Ehrlich schüttelte der erfahrene Kommissar den Kopf. "Nein, das sieht es wirklich nicht." Es fühlte sich für den Polizisten beinahe schon an, wie ein Urteilsspruch. "Aber deine Kollegen sehen das noch nicht so. Vor allem Ben Jäger ist fest der Meinung, dass du kein Mörder bist." Automatisch zauberte sich ein Lächeln in Kevins düsteren Blick, durch seine düsteren Gedanken. Semir und Ben ließen ihn nicht hängen und konnten sich wohl selbst schwer vorstellen, dass Kevin jemanden tot geschlagen hatte. Doch Hoffnung war nicht unbedingt da. "Was wollen sie tun? Die Indizien sprechen alle gegen mich." Bienert nickte, teils resignierend, teils zustimmend. "Das stimmt. Aber sie wollen unbedingt irgendetwas finden, was Plotz in seinem Arbeitseifer übersehen hat.", wobei er das Wort "Arbeitseifer" besonders ironisch betonte. "Schneider hatte nämlich mit Drogen zu tun... offenbar mit dem gleichen Ring, in dem du ermittelt hast." Er legte Kevin das kleine Notizbuch auf den Tisch, der sich darüber beugte. "Erkennst du die Codes?" Ein Nicken ging durch den Körper des jungen Polizisten. "Na klar." Dann blickte er auf. "Na toll... das ist doch ein weiteres Indiz gegen mich." "Keine Panik... von mir erfährt natürlich keiner, dass du ausgerechnet in dem Ring mit drinhängst, und Plotz hat das Notizbuch nicht gefunden, sondern Ben und Semir."

    Kevin konnte es nicht fassen... die beiden waren in den Tatort eingebrochen? Nur um ihm zu helfen. Die Schuldgefühle von gestern abend verstärkten sich, wo er wusste, was die beiden Polizisten riskierten um ihn zu helfen. Es berührte ihn zutiefst.
    "In diesem Knast ist eine Gruppe von Männern aus meiner alten Jugendgang.", sagte Kevin dann leise zu Bienert, der sofort hellhörig wurde. "Sie sind auch Teil dieses Rings... offenbar ist hier die Quelle." "Die Quelle? Du glaubst, dass das Zeug aus dem Knast kommt?" Bienerts Stimme klang vollkommen ungläubig... wie sollte das funktionieren? "Ich weiß es nicht. Aber Jerry meinte, dass er jetzt näher an der Quelle ist. Aber wenn hier einige Wärter ebenfalls auf der Gehaltsliste des "Bosses" stehen, wäre es doch ein Coup, hier den Stoff herzustellen und nach draussen zu schmuggeln." Bienert wurde heiß und kalt gleichzeitig. "Das wäre ja ungeheuerlich." Plötzlich spürte er, dass Kevin durch seine Verhaftung einen ganzen Schritt weitergekommen war, und in ihm tat sich ein Gewissenskonflikt auf. Für die Ermittlungen wäre es besser, wenn Kevin im Knast bliebe. "Denkst du, du bekommst da noch mehr heraus?", fragte er und der Polizist nickte. "Ich treffe mich heute Abend mit Jerry. Er kennt mich von früher, und wird mir nichts verheimlichen." Jetzt bezahlte sich das aus, was Bienert sich von dem ehemaligen Kriminellen erhofft hatte. Beziehungen, die ein normaler V-Mann niemals haben würde. "Okay, Kevin. Ich werde in regelmäßigen Abständen hier auftauchen... offiziell zu Vernehmungen wegen der Verhaftung des Drogendealers. Das kannst du Jerry ja ruhig sagen, dass du dich bei mir ausschweigst.", sagte der Drogenfahnder. Was es für Kevins weitere Haftstrafe bedeuten würde, wenn seine Aktivität in der Drogengang rauskommen würde, und es für Ben und Semir dann unmöglich war, in aus dem Knast zu holen, verdrängte er, genauso wie sein schlechtes Gewissen. Und Kevin dachte sowieso nicht darüber nach...

    JVA - 21:15 Uhr

    Kevin kam gerade, kurz vor Zapfenstreich, in seine Gefängniszelle. Nach dem Abendessen hatte er sich im Sportraum noch ein wenig ausgetobt, in der Hoffnung, heute auch ohne Hilfsmittel schlafen zu können. Seine Haare waren noch feucht, standen wie immer ein wenig ab, obwohl es zusehends schwieriger war, je länger sie wurden. Er kam in die Zelle und der mittlerweile schon gewohnte Anblick ergab sich ihm... Philipp saß auf seinem Stuhl, an seinem kleinen Schreibtisch. Diesmal las er nicht, er schrieb. Er schrieb in ein Buch und schien sich kurz zu erschrecken, als Kevin hereinkam. "Keine Angst, ich bins nur.", meinte der beruhigend, und sein kleiner Zellenkumpane schien sich ein bisschen zu genieren, als der großgewachsene Polizist kurz einen Blick auf das Buch warf. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloß, der Schlüssel wurde umgedreht... Bald würden die Lichter ausgehen und es war Schlafenszeit.
    "Schreibst du Tagebuch?", fragte Kevin mit seiner typischem Stimmlage, die manchmal ganz ohne Betonung auskam. Philipp nickte langsam, während Kevin sich auf das Bett niederließ und sein Schlaf-Shirt über den Kopf zog. "Ich schreibe für meine Freundin. Wenn ich hier rauskomme, kann sie es lesen.", sagte er mit etwas nachdenklicher Stimme. "Schreibst du die Wahrheit, was dir hier drin so passiert?" Philipp musste ein wenig grinsen, als er sich zu Kevin drehte, der sich auf seiner Britsche niedergelassen hatte, und mit der Hand durch die Haare wuschelte. "Nicht alles..."

    Kevin sah sich Philipp nachdenklich an. "Ist denn nie hier drin jemand auf die Idee gekommen, die zu helfen?", fragte der junge Polizist beinahe ungläubig. Er konnte es nicht verstehen, dass sich alle es zum Spaß machten, den kleinen Kerl zu quälen und zu schikanieren. Philipp sah ein wenig betreten zu Boden, sein Lächeln verschwand aus dem Gesicht... scheinbar schien er sich an etwas zu erinnern. "Doch...", sagte er dann letztendlich. "Zwei sogar... aber das ist schon länger her." Kevin hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt, die Hände ineinander gefasst und stützte sich mit dem Kinn darauf. "Und dann wurden sie entlassen?", mutmaßte der junge Polizist, und sah hinüber zu dem kleinen Kerl. Sein Blick war ernst, aber aufmerksam, man merkte immer sofort wenn Kevin sich ernsthaft für jemanden, oder das was jemand sagte, interessierte... und nicht einfach aus Höflichkeit zuhörte. "Nein...", sagte Philipp mit nachdenklicher, verlorener Stimme. "Einer wollte mich verteidigen. Zwei Wochen später ist er im Gefängnis-Krankenhaus an einem Schädel-Hirn-Trauma gestorben." Ohne dass Philipp beide Geschehnisse wörtlich in Zusammenhang brachte konnte Kevin diesen natürlich sofort überblicken. Die angebotene Hilfe bezahlte der Mithäftling mit seinem Leben. "Der Zweite hat öfters mit mir gesprochen, aber mir aus Angst nie geholfen. Dann haben sie ihm die Nase gebrochen und gedroht, ihn umzubringen, wenn er weiter mit mir reden würde." Der junge Polizist schluckte. Zu den körperlichen Repressalien kamen diese seelischen Grausamkeiten, denn wir musste es sich für den kleinen Philipp anfühlen, dass jeder der ihm positiv gesinnt war, um sein Leben fürchten musste. Na klar wurde dann jeder automatisch zum Feind. "Vielleicht... ist es auch besser, wenn du ausserhalb der Zelle nicht mit mir sprichst.", sagte er mit stockender Stimme, die zugleich traurig klang, denn natürlich war er für jeden Beistand, den er hatte, unendlich dankbar. Kevin lächelte fürsorglich, wo sein Gesicht vorher noch todernst war. "Keine Angst...", sagte er nur mit der klaren Botschaft, dass er sich selbst ganz gut verteidigen konnte.

    Für einen Moment herrschte in der Zelle Stille. Es war ein komisches Bild, Philipp halb zu Kevin gedreht auf dem Stuhl, Kevin selbst auf der Britsche sitzend, die Hände auf die Faust gestützt. Zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. "Wartet jemand zu Hause auf dich?", fragte der kleine Bankräuber, der so langsam gewisses Zutrauen zu seinem Zellenkumpanen geschlossen hatte und auch die Angst verlor, selbst das Wort zu ergreifen und Fragen zu stellen. Kevin richtete sein, oft kalt wirkenden blauen Augen auf ihn, und ließ sich mit der Antwort etwas Zeit. "Das ist schwer zu sagen.", sagte er mit ruhiger Stimme, und fühlte sich innerlich aufgewühlt. Natürlich wartete zu Hause jemand. Jenny wartete, Semir und Ben... wenn sie nicht schon längst dabei waren, ihn rauszuholen. Oder aber waren sie von den Indizien, die gegen ihn sprachen so sehr überzeugt dass sie zwar schockiert waren, aber letztlich als Polizisten die Sache als richtig sahen? Vor allem, wo Kevin selbst nicht genau wusste, wo er dran war. "Freunde? Eine Freundin?", hakte Philipp nach, als er spürte dass keine weitere Antwort von seinem Gegenüber kam. "Sehr gute Freunde.", sagte der junge Polizist dann mit fester Überzeugung. Mit einer Überzeugung, die er vorher selten gespürt hatte. "Das ist gut...", hörte er den kleinen Philipp sagen, der von seinem Stuhl aufstand, um sich ebenfalls umzuziehen und Bettfertig zu machen. "Ja..." Kevins Stimme verklang leise, es schien als sagte er es als Bestätigung zu sich selbst, zum Boden auf den er blickte.

    Nach einigen Minuten verlosch das Licht in der Zelle, Kevin und Philipp lagen auf ihren Britschen, sie konnten sich gegenseitig atmen hören. Kevin dachte an das Gespräch und an die Überzeugung, mit der er sagte, dass sehr gute Freunde auf ihn warteten. Plötzlich erschien ihm, wie schlimm Bens Schuldgefühle sein mussten, nachdem Kevin seinen Job verlor, und dass der Polizist eben nicht einfach damit abgeschlossen hatte. Er hatte sich trotzdem an sein Versprechen gehalten, um Thomas und Jessy zu helfen. Er hatte sich aufrichtig bei Kevin entschuldigt und war bereit die Schuld auf sich zu laden. Und Kevin hatte ihn, in seiner Rolle als schweigsamer Drogendealer, wie einen Fremden behandelt. Er sah diese Szene genau vor sich, Bens erregtes Gesicht, seine Hilflosigkeit als seine verzweifelten Worte auf eine Mauer des Schweigens prallten. Die Ungläubigkeit, einen Fremden vor sich sitzen zu haben, der wie ein zerbrochenes Spielzeug einfach nicht reagierte. Das Empfinden auf Semirs versuchte, ruhige Art war genauso intensiv. Plötzlich spürte Kevin, wie leid es ihm tat und er hatte wieder das Gefühl, dass alles falsch lief, was er entschied... das alles kaputt ging, was er anfasste und dass er in jeder Hinsicht versagte, Menschen verletzte, die ihm etwas bedeuteten. Jenny kam im Vertrauen zu ihm, suchte seinen Halt nachdem sie von Mark Schneider vergewaltigt wurde... und nun konnte Kevin ihr diesen Halt nicht bieten. Er stieß Semir und Ben vor den Kopf, die sich versuchten für ihn einzusetzen.
    Auf den jungen Mann, der hellwach im Dunkeln seiner Zelle lag, prasselten Unmengen von Gefühlen ein, die in ihm ein Schaudern auslösten. Er fühlte, wie ihm alles wieder zu entgleiten drohte, wie er sich selbst wieder ins Abseits, in die Einsamkeit manövrierte in dem er falsche Entscheidungen traf und in seinen Aufgaben versagte... so wie vor 13 Jahren, in einer dunklen Nacht in einer Seitengasse. Seine Hände krallten sich ins Bettzeug, er hörte seinen Atem in den Lungen rasseln, und die Schatten der Gitter an der Wand, die der Mond bildete, schienen ihn auszulachen und zu verachten.

    "Weißt du, warum ich die Bank überfallen habe?", hörte er in diesen Zustand plötzlich Philipps Stimme aus dem Dunkeln, der scheinbar ebenfalls nicht schlafen konnte und das Bedürfnis hatte zu reden. Seine Stimme klang aber nicht wie sonst etwas penetrant, sondern nachdenklich. Ein leises "Hmm?", das von Kevin kam, signalisierte Aufmerksamkeit. "Meine Freundin ist schwanger... und... und ich hatte Angst, dass wir uns das Kind nicht leisten können." Kevin begriff schon früh, dass Philipp nicht der Hellste war... scheinbar arbeitslos, und dann kam mancher eben auf die Idee, mit der Spielzeugpistole eine Bank zu überfallen. Aber es machte den Jungen auch irgendwie sympathisch. "Eigentlich wollten wir ja noch nicht aber... naja." Er schien ein wenig zu grinsen. "Wann ist es soweit?", fragte Kevin und konnte sich dann wohl ausrechnen, wie lange Philipp schon hier war. Er wurde bestimmt nicht zur Höchststrafe verknackt, denn niemand kam bei dem Banküberfall zu Schaden, und gestanden hatte er ja auch. "Nächsten... Monat wahrscheinlich." Philipps Stimme klang traurig, und Kevin drehte sich im Bett auf die Seite, in Richtung aus der die Stimme klang. "Du hast gesagt, dass du noch zwei Monate hier bist." "Ja..." Die Niedergeschlagenheit konnte der junge Polizist durch die Dunkelheit spüren. "Ich werde die Geburt meines eigenen Kindes verpassen.", sagte er leise. "Das ist schlimm, oder?" Es schien, als würde es ihm gut tun mit jemandem zu reden... etwas, was er seit Monaten im Gefängnis nicht tun konnte. Niemand nahm ihn ernst, niemand nahm ihn hier überhaupt als Mensch, höchstens als jemand wahr, an dem man seine Aggressionen auslassen konnte. "Deswegen gehe ich hier kein Risiko ein. Ich möchte gerne mein Kind in die Arme schließen, wenn ich hier raus bin... und es mir nicht im Rollstuhl auf den Schoß sitzen lassen, weißt du." Kevin konnte ihn gut verstehen.

    "Es ist nicht schlimm...", sagte Kevin irgendwann nach einer Weile in die Dunkelheit, in Richtung Zellendecke. Er hatte sich wieder auf den Rücken gedreht, starrte in die Dunkelheit und hörte das Rascheln von der anderen Pritsche her. "Meinst du? Aber ich denke... dass mich meine Frau doch dann braucht... oder?", klang Philipps unsichere Stimme aus der Dunkelheit. Das Kopfschütteln des Polizisten konnte er freilich nicht sehen. "Deine Frau braucht dich vor allem als Vater nachher. Das ist wichtiger, als bei der Geburt dabei sein. Dass du der Halt bist, dass du deine Familie beschützt." Philipp fühlte sich geschmeichelt, und musste ins Dunkel hineinlächeln. "Bist du selbst Vater? Du hörst dich so an...", fragte er und war gespannt, was Kevin zu erzählen hatte. "Nein... ich bin kein Vater. Und ich könnte es auch nicht." Der junge Bankräuber war von der Bitternis in Kevins Stimme überrascht, blickte nun seinerseits in die Richtung, aus der die Stimme drang. Er konnte nur die Umrisse der Britsche und des Körpers erkennen, der darin lag, weil das Mondlicht teilweise auf Kevin fiel. "Wieso... du bist doch... also ich meine... du bist doch ein Typ, der... sowas bestimmt gut kann. Auf die Familie aufpassen... und so." Der kleine Kerl fand nicht die richtigen Worte zu umschreiben, wie er den Neu-Knacki in den ersten Tagen kennengelernt hatte, aber er hatte ihn so kennen gelernt, wie viele Menschen Kevin kennenlernten. Als Typ, den nichts umhauen kann... als Typ, der für alles eine Lösung fand und an dem sich jeder im Sturm festklammern konnte. Doch das war er schon lange nicht mehr.
    "Das täuscht.", sagte die tonlose Stimme. "Ich habe ihn letzter Zeit oft versagt." Plötzlich redete Kevin, als hätte er einen Freund bei sich, dem er vertraute. Er redete über Dinge, über die er sonst nur schwerfällig etwas erzählte, aber er war gerade so randvoll mit Gefühlen, dass die in seinem Innersten keinen Platz mehr hatten. "Ich habe Menschen enttäuscht... sie vor den Kopf gestoßen. Ich kann momentan einer Freundin nicht den Halt bieten, den sie bräuchte. Und ich habe Menschen verloren, weil ich sie nicht beschützen konnte."
    Philipp hörte gebannt zu, Andeutungen mit denen er nicht viel anfangen konnte, aber die Stimme, in der Kevin sprach, erschütterte ihn. Hatte er den Kerl völlig falsch eingeschätzt? Die Stimme, die jetzt aus dem Dunkeln kam, ohne Gesicht und Mimik passte nicht zu dem Kerl, den Philipp im Kopf hatte. Sie klang mutlos, kraftlos, verbittert und verzweifelt. Sie klang wie von jemandem, der sein Limit erreicht hatte. Philipp war erschüttert und sein kleiner, etwas naiver Verstand sagte ihm, dass von diesem Typ vielleicht doch nicht der Schutz ausging, den er sich vorgestellt hatte, den er am Morgen noch zur Schau gestellt hatte.

    Kevin spürte durch die Dunkelheit, wie Philipp sich umdrehte, sich von ihm wegdrehte und ein leichtes "Hmm... das ist schlimm.", murmelte. Der junge Polizist konnte es ihm nicht verdenken. Philipp kannte ihn nicht, in keinster Weise. Die Fassade, die er aufbaute bröckelte spätestens dann, wenn die dunklen Gedanken seinen Besitz ergriffen.
    Der Klos im Hals wurde immer fester. Das Atmen fiel ihm schwer, das Schlucken war eine Qual. Er dachte an das verzweifelte Gesicht von Ben, an die Resignation in Semirs Augen beim Verhör. Und er dachte an Jenny, wie sie bitterlich weinte, als sie in seinen Armen lag... doch diesmal lag sie nicht in seinen Armen und wurde getröstet, sondern sie saß alleine und weinte um Kevin... und niemand tröstete sie, und gab ihr Halt, denn Kevin war nicht da. Seine Wut, und seine Enttäuschung über sein Versagen, trieb dem Polizisten Tränen in die Augen, die sich langsam den Weg über seine Wangen bahnten.

    Dienststelle - 17:30 Uhr

    Semir verließ nur wenige Minuten nach Ben das Büro der Chefin. Er blickte sich kurz im Großraumbüro um, und sofrt spürte er die merkwürdig, ruhige Stimmung. Bonrath und Herzberger blickten nur kurz, und beinahe verlegen zu ihm auf, Jenny war überhaupt nicht zu sehen... "Ist... ist alles in Ordnung?", fragte Herzberger mit ruhiger, aber beinahe scheuer Stimme, und bekam zur Antwort Semirs souveränes, gutherziges Lächeln. "Jaja, alles gut.", sagte er mit geschlossenen Augen und schritt weiter in sein eigenes Büro. Dort bemerkte er dann allerdings, dass nicht alles gut war. Ben war weg. Der Schlüssel seines Dienstwagens lag nicht auf seinem Schreibtisch, und durch einen Blick durch die große Fensterfront sah Semir sofort, dass der graue Benz nicht an seinem Platz stand. Der erfahrene Polizist seufzte auf. "Mach bloß keinen Blödsinn, Mensch.", murmelte er... und konnte nicht mal genau sagen, ob er damit sich selbst oder Ben meinte.


    Drogendezernat - 18:00 Uhr

    Thomas Bienert war gerade dabei, einige Akten in seine Tasche zu packen, die er am Abend zu Hause nochmal durcharbeiten wollte... aber eigentlich war jetzt Zeit für den Feierabend. Der Tag war anstregend gewesen, einige Verhöre und die Sache mit Kevin lasteten ihm auf dem Gemüt. Er schämte sich beinahe dafür dass er sich mehr darüber ärgerte, eine wirksame Waffe gegen den Drogenring verloren zu haben, als um den Kerl Kevin, der momentan vielleicht zu Unrecht im Knast saß. Er versuchte seine Gedanken immer wieder auf den jungen Kollegen zu lenken, statt auf die momentan wieder stockenden Ermittlungen in seinem größten Drogenfall.
    Gerade als er von seinem Schreibtisch aufstehen wollte, klopfte es hastig an seiner Bürotür. "Ja, bitte?", sagte er beinahe seufzend, den er wollte eigentlich schon auf dem Nachhauseweg sein. Umso überraschter war er, als Ben ins Büro kam, den die beiden Autobahnpolizisten waren erst vor einigen Stunden bei ihm abgezogen. "Herr Jäger... haben sie was vergessen?", fragte er verblüfft, und fügte nach einigen Sekunden, als Ben die Tür hinter sich schloß, an: "Sind sie alleine?" Der junge Polizist nickte. "Ja, bin ich. Herr Bienert, ich muss sie um einen Gefallen bitten." Einen kurzen Moment dachte er Drogenfahnder nach, bevor er auf den freien Stuhl vor dem Schreibtisch wies, und sich selbst wieder hinsetzte. "Setzen sie sich.", und Ben nahm das Angebot an. Sollte es zwischen den beiden Beamten zum Streit gekommen sein, oder warum tauchte der junge Cop plötzlich ohne seinen Partner Semir hier auf? Diese Gedanken schwebten kurz durch Thomas Bienerts Kopf.

    "Also?", signalisierte er seinem Gegenüber ein offenes Ohr. "Bitte besuchen sie Kevin. Unsere komplette Dienststelle hat eine Besuchssperre für ihn auferlegt bekommen, von der Staatsanwaltschaft. Unsere Chefin hat uns heute auch jede weitere Nachforschung untersagt, uns mit Beurlaubung gedroht. Das geht mir am Arsch vorbei, ich will Kevin helfen. Aber hier komme ich ohne sie nicht weiter." Bienert zog verblüfft die Augenbrauen nach oben. Er fand, dass Ben eine gewisse Courage hatte, seine eigene Laufbahn zu gefährden um einem, scheinbar klar überführten Mörder zu helfen und das imponierte ihm. Trotzdem war er sich nicht zu schade, um nun nach Hilfe zu fragen. "Verrennen sie sich nicht in etwas?", fragte Bienert vorsichtig, um Ben nicht sofort abzulehnen. "Ich meine... hinsichtlich der Indizien...", allerdings wurde er von Ben unterbrochen. "Ja, ich weiß. Hinsichtlich der Indizien ist Kevin ein Mörder. Aber hinsichtlich von Indizien hätten wir schon so manchen Unschuldigen in den Knast gesperrt, wenn wir nicht andere Möglichkeiten ermittelt hätten."
    Für einen kurzen Moment kehrte Stille ein, und die beiden Männer blickten sich an. Der eine aufgewühlt, scheinbar gehetzt und so langsam mit seinem Latein am Ende, der andere abschätzend, abwartend. "Ist Semir der gleichen Meinung?", fragte Bienert und Ben suchte für einen Moment nach Worten. "Semir scheint auch eher auf den Kopf zu hören.", drückte sich der Autobahnpolizist noch sehr diplomatisch aus und brachte Bienert damit ein wenig zum Grinsen. "Das hilft manchmal... manchmal aber auch nicht."

    Wieder gab es eine kurze Pause, in der Ben mit Spannung Bienerts Antwort auf sein Hilfegesuch erwartete. "Ihnen liegt viel an Kevin?", fragte der Drogenfahnder, und eigentlich war die Frage rhetorisch. Ben würde niemals seine eigene Laufbahn aufs Spiel setzen, um einem Mann zu helfen, der einfach nur irgendein Kollege war. Und so nickte der junge Beamte mit voller Überzeugung. "Kevin hat mir das Leben gerettet. Und er hat mir zu verdanken, dass er um seinen Job zittern muss." Erneut war es Bienert, der überraschend aufblickte. "Die Ermittlungen wegen seiner Vergangenheit? Wie meinen sie das?" Eigentlich wollte Ben Bienert nicht mehr vertrauen als notwendig, aber dessen ruhige Ausstrahlung auf ihn erinnerte ihn ein wenig an Semir, und so ließ er sich davon beeinflussen. "Kevin hat uns seine Vergangenheit anvertraut... und mir ist es im falschen Moment rausgerutscht. Erst dadurch kam das ganze ins Rollen.", sagte er mit leicht gesenktem Blick. "Und nun wollen sie das wieder gutmachen, in dem sie seine Unschuld beweisen?", schlußfolgerte sein Gegenüber, doch sofort schüttelte Ben den Kopf. "Nein... ich möchte seine Unschuld beweisen, weil ich glaube, dass er unschuldig ist. Und weil er mein Freund ist, nicht einfach ein Partner. Ich hab gesehen, wie er ganz unten war, und ich habe gesehen, wie er an unserer Seite wieder aufgestanden ist. Und nur weil er jetzt nochmal gefallen ist, lasse ich ihn nicht im Dreck liegen. Da lag er schon viel zu lange."
    Bienert war beeindruckt von Bens Worten, im Polizeidienst hatte er bisher mit vielen Kollegen zu tun, die auch zu Freunden im Freundeskreis wurden... aber für so eine tiefgehende Freundschaft hatte es nie gereicht. Insgeheim beneidete er die drei Polizisten dafür. Er nickte zustimmend: "Ich werde Kevin morgen früh besuchen. Ich werde es als Verhör tarnen, aufgrund seiner Festnahme auf dem Rastplatz. Da wird niemand unangenehme Fragen beantworten. Alles klar?" Ben nickte erleichtert und dankbar, die beiden Polizisten schüttelten sich die Hand. "Ich ruf sie direkt morgen früh an. Aber sagen sie Semir Bescheid. Arbeiten sie nicht gegeneinander... und gefährden sie nicht ihren Job. Ich hoffe, das Ganze ist ihr Risiko wirklich wert..."

    Nachdem Ben sich nochmal bei Bienert bedankt hatte, verließ er das große Gebäude in der Innenstadt, um sofort auf dem Parkplatz zurückzuprallen. Semir lehnte an seinem grauen Mercedes, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sein Mahngesicht aufgesetzt. "Hälst du es nicht mehr nötig, mir Bescheid zu sagen, was du unternimmst?", fragte er beinahe gekränkt, und Ben zog einen Schmollmund. "Wie hast du mich gefunden?", sagte er nur kurz, und wollte Semir nicht ins Gesicht sehen. "Unsere Dienstwagen sind GPS-Überwacht, falls du es noch nicht gemerkt hast.", meinte Semir schnippisch... natürlich wusste Ben das, aber in dem Moment hatte er nicht daran gedacht. "Mensch Ben... wir sind Partner. Rede doch mit mir." "Du glaubst nicht an Kevins Unschuld. Du denkst einfach wie ein Polizist und gibst der Chefin auch noch recht. Aber durch ihre Drohung werde ich mich nicht davon abhalten lassen, Kevin zu helfen." Semir war nicht so emotional wie Ben, oder Kevin der durch solche Worte gerne auch selbst emotional getroffen werden konnte. "Natürlich gebe ich der Chefin Recht.", rechtfertigte er sich mit deutlichem, aber sachlichem Ton. "Und weißt du auch warum? Damit sie uns zufrieden lässt. Statt einfach brav zu nicken, und mehr darauf zu achten, dass unsere Ermittlungen nicht auffallen, machst du eine Riesenszene. Mein Gott, Ben... denk doch mal, Junge."

    Semir fasste seinen jungen Kollegen an beiden Armen und schien ihn leicht zu schütteln. "Die Chefin lässt sich momentan nicht überzeugen. Also müssen wir ihr Fakten bringen, und wenn wir die haben, dann wird sie Kevin niemals unschuldig im Knast sitzen lassen und alle Hebel in Bewegung setzen. Aber vorher brauchen wir diese Fakten." Ben sah seinen Partner verwirrend an, auch wenn die Standpauke mal wieder sein Ziel erreichte. "Ich... ich dachte, dass du... nicht glaubst, dass..." "Ach, was mein Kopf momentan sagt, ist erstmal unwichtig. Mein Herz denkt doch genauso wie du... aber ich weiß halt besser, wann ich mein Herz sprechen lasse, und wann den Kopf." Ben musste verlegen grinsen. "Da hast du wohl recht." Auch Semir grinste und boxte seinem Freund gegen die Schulter. "So... ich hoffe, du hast Bienert drum gebeten, Kevin zu besuchen... ich habe nämlich keine Lust, nochmal da hoch zu laufen..."

    Dienststelle - 17:00 Uhr

    Mit gemischten Gefühlen trudelten Semir und Ben kurz vor Feierabend wieder in die Dienststelle der Autobahnpolizei ein. Den Drogenjunkie Martin Fahndel hatten sie ihrem Kollegen Bienert überlassen, der wolle sich um ihn kümmern zwecks Gefährdungsansprache und einer eventuellen Anzeige wegen Einbruches, auch wenn die beiden Polizisten darauf nicht scharf war. Bedeutener war für sie einerseits, dass sie weitere Informationen rausbekommen hatten, andererseits aber die düstere Vorraussicht Bienerts, Kevin nicht helfen zu können, wenn sie wirklich in dem Drogenring ermitteln wollten, in den er gerade dabei war, hinein zu kommen. Es war zum Verzweifeln, auch wenn Ben noch lange nicht aufgeben wollte.
    Am Nachmittag mussten sie einen größeren Unfall auf der Autobahn abhandeln, denn sie nicht wieder an ihre Kollegen abdrücken konnten, denn dann würde ihre Nebenermittlungen wohl zu sehr auffallen. Also hatten sie bei den Aufräumarbeiten, den Ermittlungen zu dem Unfallhergang und der Überbringung einer Todesnachricht nicht viel Zeit, sich weiter Gedanken um Kevin zu machen, umso mehr wurden die beiden nun kurz vor Feierabend von den Gedanken eingeholt, als sie die Dienststelle müde betraten. Jenny, die sich gerade umgezogen hatte, kam mit schnellen Schritten in das Extrabüro der beiden Autobahnpolizisten.

    "Und? Was habt ihr rausbekommen?", fragte sie hastig. Mit etwas Abstand fühlte sie sich wieder etwas wohler, die Arbeit lenkte sie ab... doch die Sorge um Kevin, dem sie immer näher gekommen war, schnürte ihr weiter die Kehle zu und war schuld daran, dass ihre Gedanken ausschließlich um den geheimnisvollen Polizisten handelten. Ben ließ sich stöhnend, mit den Händen in den wuscheligen Haaren auf den Bürostuhl fallen, während Semir sich erstmal an der Kaffeemaschine zu schaffen machte. "Einiges... Schneider hatte scheinbar ein Drogen-Nebengeschäft am Laufen. Einkauf-Verkauf.", meinte Semir, während seine Finger über das Bedienfeld der Maschine flitzten. "Hattest du das gewusst?" Jenny schüttelte sofort den Kopf, angeekelt von den Gedanken an diesen Menschen und diese Nacht. "Nein... wir... wir hatten nur ein paar Stunden miteinander... zu tun." Ben schaute Semir fast vorwurfsvoll an, dass er die junge Kollegin an die Nacht erinnerte. "Jedenfalls haben wir eine vage Spur auf den Drogenring... aber wie wir jetzt direkt weiter verfahren... wissen wir noch nicht.", sagte der erfahrene Polizist. Sein Partner wollte erst widersprechen, aber er erinnerte sich, dass sie Jenny über Kevins Undercoverjob nichts gesagt hatten... und somit auch keinerlei Verbindung zwischen ihm und dem Drogenring erzählen konnten... und so schwieg er auch diesmal. Nur Jenny schien noch nicht zufrieden zu sein. "Aber... irgendwas müssen wir doch jetzt tun." "Warte doch jetzt mal ab, Jenny. Morgen rufen wir beim Haftrichter an und verlangen einen Besuch... dann hören wir mal, was Kevin..." "Das kannst du vergessen.", fiel Jenny ihm energisch ins Wort, und wurde dann etwas kleinlaut. "Da... da habe ich schon angerufen heute." Die beiden Polizisten schauten sich kurz in die Augen um zu checken, wie die jeweilige Reaktion war... sie fiel fast gleich aus... Entsetzen. "Was hast du? Warum hast du das nicht mit uns abgesprochen?", meinte Ben mit etwas lauter Stimme. "Der Haftrichter hat gesagt, dass ich in dem Fall befangen bin, und Kevin deshalb nicht besuchen darf... so wie jeder Ermittler dieser Dienststelle.", sagte die zitternde, und gleichzeitig niedergeschlagene Stimme der jungen Frau. Ben musste schwer kämpfen, um nicht die Fassung zu verlieren... es wäre noch ein Faden, ein Strohhalm gewesen, an den man sich hätte klammern können. Auch Semir war sauer über Jennys Vorpreschen, doch behielt er die Ruhe: "Egal... das hätte er wohl auch gesagt, wenn einer von uns angerufen hätte."

    Die drei wurden im Gespräch unterbrochen, als Bonrath den Kopf durch die Tür steckte: "Ich will nicht stören...", entschuldigte er sich... "Aber ihr beide sollt mal zur Chefin kommen... es klang... wichtig." Die Betonung des Wortes "wichtig" klang eindeutig nach "wütend.", und dann war es nicht besonders schlau Anna Engelhardt warten zu lassen. So nahm Semir seine Tasse kurzerhand mit zur Chefin ins Büro, die bereits auf ihre beiden besten Beamten wartete. Erst als beide saßen und die Tür hinter ihnen verschlossen war, begann sie mit ruhiger, aber autoritärer Stimme: "Können sie mir erzählen, warum sie seit gestern über Funk nur sehr schwer zu erreichen waren?" Ben konnte den Anschiss bereits meilenweit gegen den Wind riechen, während Semir in seiner besonnen Art etwas von einem "Funkgerät mit Wackelkontakt" zu erklären versuchte. Die Augen der Chefin verengten sich zu Schlitzen, ein untrügerliches Merkmal, dass bedeutete, dass ihr Blutdruck in ungeahnte Höhen stieg... etwas, was Semir nach 16 Jahren wissen sollte. "Soso...", meinte sie katzenfreundlich und lehnte sich im Stuhl zurück. "Und wie kommt es, dass der Kollege Plotz von der Mordkommission bei mir anruft, und sich über sie beschwert... irgendeine "Sache" mit Herrn Peters Verhaftung und einem Cheeseburger im Mülleimer. Wollten sie dort ihr Funkgerät reparieren lassen?" Semirs Lächeln verlosch zu einem Blick, der sofort erahnen ließ, dass er sich ertappt fühlte, während Bens Blick immer noch nach draussen ging.
    Die Chefin wartete einige Momente, ob sich einer ihrer Mitarbeiter noch zu einer Antwort durchringen konnte, bevor sie das Wort erneut übernahm. "Meine Herren... ich kann verstehen, dass es ihnen nahe geht, dass ein ehemaliger Mitarbeiter von ihnen im Gefängnis sitzt. Das gibt ihnen aber noch lange kein Recht, Beamte der Mordkommission zu beleidigen oder ihre Ermittlungen in Frage zu stellen." Ihr Ton war bestimmt aber gefährlich, doch Ben tappte in diese Falle genau rein, denn er setzte sich zur Wehr. "Chefin... Plotz hat den Fall schon abgeschlossen, bevor er überhaupt über eine zweite Möglichkeit nachgedacht hat. Der will Kevin hinter Gitter sehen, und sonst gar nichts.", sagte er erregt. "Sie wollen ihm also Befangenheit vorwerfen?", fragte die Chefin, ebenfalls in etwas lauterer Tonlage, jedoch immer noch gefasst. Ben nickte schnell: "Ja, genau. Für den gab es von Anfang an nur einen Täter."

    Die Spannung im Büro war zum Schneiden, Semir schwieg noch, denn er hatte jetzt nicht die richtigen Worte um die Situation zu entspannen... und wenn, dann würden sie nicht für Ben oder Kevin sprechen. So schwieg er zunächst, als die Chefin an Bens Polizeigedächtnis appelierte. "Herr Jäger... es gibt genügend Beweise, die Herrn Peters des Mordes, zumindest des Todschlages überführen. Er wurde am Tatort gesehen, er hatte ein Motiv, er kannte diese seltene Kampfkunst, und er hat nicht mal zugegeben bei Schneider in der Wohnung gewesen zu sein, wofür es aber klare Beweise gibt, nämlich die Haut in seiner Schürfwunde." Ihre Stimme wurde dabei immer lauter. "Wenn hier einer befangen ist, dann sind sie das." "Kevin ist KEIN Mörder.", rief Ben laut und ungehalten, so dass Semir sich zumindest genötigt sah, ihm beruhigend die Hand auf die Schulter zu legen, der diese jedoch sofort abschüttelte. "Für ihn ist der Beruf sein Ein und Alles. Niemals würde er den für so etwas leichtfertig aufs Spiel setzen. Dass er dieses Schwein verprügelt hat, okay. Aber er hat ihn nicht kaltblütig oder versehentlich umgebracht."
    Draußen hörte mittlerweile das gesamte Präsidium die Auseinandersetzung, und konnte sie durch die Glasscheibe auch erkennen. Bonrath und Herzberger blickten sich gegenseitig ein wenig fassungslos an, während Jenny die Tränen nicht zurückhalten konnte. Sie weinte über die zerissene Situation, aber auch weil Ben sich so sehr für Kevin einsetzte und aus tiefer Überzeugung sagte, dass er ihn nicht für einen Mörder hielt.
    "Was macht sie so sicher, dass Herr Peters diesen Schneider nicht umgebracht hat?", fragte die Chefin messerscharf und setzte Ben die Pistole auf die Brust. "Weil ich ihn kenne." "Sie kennen ihn seit einigen Monaten, Herr Jäger. Sie haben ein paar Tage mit ihm zusammen gearbeitet. Woher wollen sie wissen, wie er in einer Ausnahmesituation reagiert?" Ben stand ruckartig von seinem Stuhl auf, sein Zorn übernahm die Kontrolle... Zorn auf die Chefin, die einen ehemaligen Mitarbeiter einfach im Stich zu lassen schien. "Ich habe ihn in einer Ausnahmesituation erlebt. Ich weiß wie er reagiert, und ich weiß, dass er KEIN Mörder ist, verdammt nochmal."

    Semir wurde auf seinem Stuhl neben dran immer unruhiger, denn er spürte, dass die Situation gerade ausser Kontrolle geriet. Ein solches Verhalten würde sich die Chefin sicher nicht bieten lassen. Doch sie blieb abermals ruhig, und blickte ihren langjährigen Mitarbeiter an. "Was denken sie, Semir?" Die Frage war so kurz wie gemein... denn Semir konnte der Chefin einfach nicht widersprechen. Semir dachte noch mit dem Kopf, während Bens Herz, in dem seine Freundschaft zu Kevin herrschte, bereits die Kontrolle übernommen hatte. Zwar waren die Hinweise von Bienert heute sehr hilfreich, auch andere Tathergänge zu konstruieren... nur die Beweise fehlten. Und sie konnten der Chefin nicht alles erzählen, denn das würde noch zu viel mehr Ärger führen. "Vielleicht... also... vielleicht hat der Kollege Plotz wirklich etwas... etwas eindimensional ermittelt.", meinte er ein wenig einlenkend, um Ben zu beruhigen. "Allerdings muss man... muss man die Beweise auch anerkennen.", gab er wiederrum der Chefin recht. Diese dachte rational und spürte sofort, dass Semir als Polizist, nicht als Freund dachte, ihr selbst recht gab und trotzdem versuchte, Ben zu beruhigen. "Was?", fragte Ben allerdings fassungslos, denn er fühlte sich plötzlich von Semir, der ihm gestern noch Mut machte, Kevin zu helfen, verraten.
    Die Chefin jedoch fühlte sich bestätigt und nickte: "Um die Sache abzukürzen: Ich möchte, dass sie beide sich ausschließlich auf ihren Job konzentrieren, und nicht die Arbeit der Mordkommission verrichten. Der Fall "Kevin Peters" ist für sie absolut tabu. Ansonsten...", dabei blickte sie vor allem Ben an: "Habe ich Schreibtischarbeit oder Beurlaubung im Angebot." Ben, der immer noch vor ihrem Schreibtisch stand, und sich plötzlich ziemlich allein gelassen fühlte, schnaubte beinahe. "Was würden sie tun, wenn Semir oder ich in Kevins Situation wären?", fragte er mit heiserer erregter Stimme. Anna Engelhard rümpfte kurz die Nase: "Ich kenne sie und Semir seit Jahren. Das ist eine völlig andere Situation." Ihr Mitarbeiter mit den wuscheligen Haaren lächelte beinahe verächtlich... "Dann hätten sie Kevin einfach besser kennenlernen sollen... und ihm eine Chance geben." Mit diesen Worten machte Ben auf dem Absatz kehrt und knallte die Glastür hinter sich zu. Er war wütend auf die Chefin, auf Semir, auf sich selbst und auf Kevin... er hätte jedem den Hals umdrehen können...

    Bens Abgang ließ die Chefin und Semir allein zurück. Semir sah seinem Partner und besten Freund besorgt hinterher und hörte die mahnende Stimme seiner Chefin. "Semir... sie wissen, dass ich ihren Partner beurlauben muss, wenn er sich weiter in die Ermittlungen einmischt. Halten sie ihn unter Kontrolle." Der erfahrene Polizist drehte den Kopf und blickte die Chefin, mit der er schon seit über 16 Jahren zusammenarbeitete, ernsthaft an. "Chefin, ich kann ihn verstehen. Wir können uns beide nicht vorstellen, dass Kevin wirklich einen Menschen umgebracht hat... auch wenn alles gegen ihn spricht, wo ich ihnen recht gebe. Als Polizisten hätten wir ihn auch festnehmen müssen." Semirs ruhiger, sachlicher Ton stieß bei der Chefin auf offenere Ohren. "Ausserdem hat Ben recht... bei uns würden sie anders reagieren." "Semir... sie kenne ich seit 16 Jahren... Ben kenne ich seit 6 Jahren. Natürlich würde ich anders reagieren. Ausserdem...", sie musste beinahe etwas schmunzeln... "gegen Kevin läuft gerade ein internes Verfahren wegen einer kriminellen Jugend. Und das sind nicht nur ein paar geklaute Autoradios." Damit sprach sie auf ein Geständnis von Semir an, der mal erzählte, mit 13 einige Autoradios geklaut zu haben. "Da geht es unter anderen um Todschlag... finden sie es da so unnormal, dass ich mich vor Herrn Peters nicht so stelle, wie vor sie oder Ben in der gleichen Situation." Semir blickte, beinahe ein wenig resignierend, nach unten. Dabei schüttelte er den Kopf, was ihm selbst wohl am meisten weh tat. "Nein.... das finde ich nicht unnormal.", gestand er.

    JVA - 12:30 Uhr

    Beim Mittagessen wollte Philipp wieder unbedingt in der Zelle bleiben. Kevin hatte ihn den ganzen Tag nicht gesehen, er musste in der Küche arbeiten, was für den kochunerprobten jungen Polizisten beinahe ein Kulturschock war. Missmutig putzte er Gemüse, schnippelte Tomaten, Zwiebeln und Kartoffeln. Der Chefkoch der Gefangenenkantine beäugte ihn kritisch ob seines Arbeitswillen, für ihn waren alle Gefangenen gleich faul. "Sei froh, dass du in meiner sauberen Küche bist, und nicht die Scheisshäuser schrubben musst.", keifte er und Kevin musste all seine Beherrschung aufbringen, um nicht mit Kartoffeln nach ihm zu werfen.
    Bevor er sich selbst was zu essen holte, ging er nochmal kurz in seine Zelle, wo Philipp über dem Buch saß. "Na komm schon mit.", meinte der junge Polizist und wollte erreichen, dass Philipp sich mehr zutraute, über seinen Schatten sprang. Er konnte doch nicht seine letzten 2 Monate weiterhin den Prügelknaben spielen. Doch die Aktion heute morgen in der Dusche hatte ihm wieder vor Augen geführt, wie wenig der kleine Kerl hier im Knast wert war. Wenn er alleine unterwegs war, war er Freiwild, und schienbar schienen das alle Insassen zu wissen, dass man an ihm seine Aggressionen auslassen könne. Und so hielt er sich nun beinahe krampfhaft an seinem Buch fest und schüttelte den Kopf, so dass Kevin es dann auch sein ließ, und selbst zum Mittagessen ging.

    Mit dem Tablett in der Hand hielt er Ausschau nach einem freien Platz an den unzähligen Tischen, bis er ein, ihm wohlvertrautes Gesicht erblickte. Ein Lächeln erhellte das Gesicht des ehemaligen Polizisten, er erkannte die Statur, die Frisur und das Profil des Mannes, der vielleicht 3-4 Jahre älter war als er selbst. "Jerry?", fragte er beinahe überrascht, als er neben dem Mann stehen blieb, der seinen Kopf langsam in Richtung Kevin drehte, und dessen Gesichtszüge erst nachdenklich wurden, und dann ebenfalls überrascht erfreut. "Kevin? Das gibts doch gar nicht."
    Der junge Mann konnte gerade noch sein Tablett auf dem Tisch stellen, als Jerry aufsprang und Kevin in die Arme schloß, Kevin tat es ihm gleich. "Mann, das gibts ja nicht? Was machst du denn hier? Lass dich anschauen...", er packte ihn freundschaftlich mit beiden Händen im Gesicht. "Bisschen alt geworden, hmm?", lachte er und Kevin boxte ihm freundschaftlich gegen den Bauch. "Das sagt der Richtige." "Setz dich, mein Freund." Plötzlich fühlte sich Kevin wie um Jahre zurück versetzt, irgendwo in einem von Punks besetzten Haus, wo sie in billigen alten Töpfen irgendeine Dosensuppe warm gemacht hatten, Alkohol getrunken haben und sich irgendwie im Alltag die Zeit totgeschlagen haben. Jerry war Teil der Jugendgang, und jemand den Kevin als einen der Wenigen wirklich als "Freund" bezeichnen würde. Damals hatte er einen grünen Iro, der so hoch gegelt war, dass er sich unter normal großen Türen bücken musste, während Kevin damals schon die, teilweise bunte, Struwwelfrisur bevorzugte. Jetzt hatte Jerry die Haare fast schon züchtig, aber sein Lachen war immer noch so ehrlich wie früher, und sein damaliger Freund setzte sich ihm gegenüber.

    Jerry war immer eine Art Mentor für Kevin, er schaute zu ihm herauf weil er, bei aller kriminellen Energie, immer auch etwas Menschliches besaß, immer eine gewisse soziale Empathie hatte gegenüber anderen. Bei Schlägereien hätte Jerry niemals jemanden getreten, der bereits am Boden lag, und hatte im Gegenzug jedem aus der Gang eine verpasst, wenn er so etwas mitbekam. Für ihn stand die Gemeinschaft innerhalb der Gang an erster Stelle, an zweiter Stelle dann der Profit, den man aus Drogenverkäufen oder Einbrüchen erzielt hatte. Mit ihm war Kevin zum ersten Mal eingebrochen, er hatte ihn bei Boxkämpfen immer unterstützt. "Ich sehe, du hast die Aufnahme schon hinter dir?", meinte er feixend, als er den Cut in Kevins Gesicht sah. "Bist du etwa ausser Form?" "Drei waren dann doch ein bisschen viel.", frotzelte Kevin und begann zu essen. Scheinbar hatte Jerry überhaupt keine Ahnung davon, wie sein Lebensweg weiterverlaufen war, sonst würde er sich nicht so freundschaftlich verhalten. "Drei brauchen sie eigentlich nur, wenn sich jemand wehren kann.", nickte er anerkennend, und Kevin verstand das als Lob.
    "Aber hey... wo warst du damals hin? Wir haben dich öfters in diesem Karateschuppen gesehen? Der Bulle hat dir eine Gehirnwäsche verpasst." Kevin schmunzelte und schüttelte den Kopf. "Ich glaub eher, der Bulle hat mir damals das Leben gerettet. Ich stand kurz vorm Heroin." "Ich hab dir ja gesagt, dass wir das in den Griff kriegen, Mann." "Haben wir aber nicht. Wir haben weiter gekokst und Trips geworfen, was das Zeug hielt. Du kannst nur froh sein, dass du Schiss vor Nadeln hattest, und Heroin es damals nichts anders gab." Das Essen schmeckte nicht besonders, aber wenigstens die Tomaten waren exakt gewürfelt, dachte Kevin.

    "Und jetzt? Bist du clean?" Kevin nickte verhalten. "Größtenteils." "Was heisst größtenteils. Entweder ist man clean oder man ist es nicht.", stellte Jerry klar. Auch eine Charaktereigenschaft von ihm: Er hatte klare Prinzipien, er machte keine halben Sachen. Etwas, was Kevin immer bewunderte und gerne auch getan hätte. "Ich bin rückfällig geworden wegen eines Vorfalls." "Janine?" Die Augen des Polizisten wurden größer. "Woher weißt du das?" Jerrys immer fröhliches Gesicht wurde nun ein wenig ernster, und freundschaftlich griff er Kevin an den Arm, der auf den Tisch lag. "Junge, das hatten wir damals in der Gang alle mitbekommen. Das hat schnell die Runde gemacht. Eine Zeitlang hieß es, dass du auch drauf gegangen bist, dann hatte dich aber jemand nochmal irgendwo gesehen." Kevin war danach 2 Jahre weg aus Köln, bevor er zurückkehrte. "Danach hatte sich die Gang fast aufgelöst, in kleinere Grüppchen eingeteilt. Ich bin bei Harry, Ümüt und Christian geblieben, wir sind immer noch im Drogengeschäft." Jerry war der Ansicht, er hatte einen Freund vor sich. Kevin im Gefängnis, ein damaliger Krimineller, und jetzt im Gefängnis. Nichts, nicht mal Kevins Äusseres würden für Jerry Anlaß geben zu glauben, dass Kevin in den letzten Jahren sein Leben geändert hatte... warum sollte er also Vorsichtig sein. "Aber wir haben gehört, dass Christian vor einigen Tagen auch erwischt wurde." "Das kannst du laut sagen...", meinte Kevin schmatzend. "Wie bitte? Du weißt davon?" "Ich war dabei." Der suspendierte Cop musste lachen. "Er hat mit gerade was verkauft." "Du willst mich doch verarschen. Und deswegen sitzt du jetzt auch?" "Nein, da konnten sie mir nicht anhängen..." Der Teller war leer, satt war Kevin deswegen noch lange nicht.

    "Und was hast du so getrieben?", fragte Jerry und lehnte sich vom Teller zurück und lächelte seinen damaligen Freund an. "Alles und nichts... Boxer, Türsteher, Arbeitslos, Lager... irgendwie über Wasser gehalten.", log Kevin, der sich zwar freute einen alten Freund, den er auch wirklich als Freund ihn Erinnerung hatte, wieder zu sehen... aber im Hinterkopf hatte er immer noch seine realen Lebensumstände. Er war Polizist, und das durfte hier drinnen niemand wissen. Ausserdem war er absolut hellhörig geworden, dass er im Drogengeschäft mit Christian aktiv war, also in dem Ring, in dem er für Bienert ermitteln sollte. "Und du?", war seine Gegenfrage an Jerry. Der verzog kurz das Gesicht: "Ja, wie gesagt. Drogen verkaufen, liefern, abkassieren. Wir sind dick im Geschäft, und nicht so klein-klein hintenrum. Großer Boss, ne Menge Geld, und weit verstreut." Kevin nickte interessiert und merkte, dass Jerry das Beste war, was ihm passieren konnte. "Und jetzt hast du Urlaub?" Die Frage des Polizisten war eigentlich Frotzelei, doch Jerry schüttelte den Kopf. "Nein... ich bin nur etwas näher an der Quelle.", sagte er und zwinkerte dabei. "Was meinst du damit?" "Das erzähl ich dir mal genauer... Typen wie dich können wir immer brauchen. Ich sag dir Bescheid." Mit den Worten stand Jerry auf und schlug Kevin auf die Schulter. Der wusste gar nicht, wie er sich fühlen sollte... Freude über das Wiedersehen... Euphorie, wieder in den Ermittlungen zu stecken, die ihm viellenicht niemals helfen würden?

    Es dauerte nur wenige Minuten, bis sich Thomas ungefragt zu Kevin an den Tisch setzte. "Und? Haben die Joints geholfen?" Der suspendierte Polizist kam nicht umhin, zu nicken und zu zu geben, dass es ihm zumindest eine ruhige Nacht beschert hatte. "Rauchst du das Zeug auch?" Thomas schüttelte sofort den Kopf: "Ich hab das nur zu Beginn gebraucht. Ich nehm keine Drogen. Und dir kann ich nur raten, dich von Jerry fern zu halten." In Kevins Blick legte sich Misstrauen und Feindseeligkeit. "Und wieso?", wollte er mit seiner monotonen Stimme von Thomas wissen, dessen Gesichtsausdruck todernst war. "Weil ich schon länger hier drin bin, und die Typen kenne. Die sind gefährlich, sie verkaufen hier drin Drogen, und wenn du noch länger sitzen willst als du sowieso schon musst, dann mach mit." War es eine ernstgemeinte Warnung, oder Eifersucht dass Thomas nicht in diese Gruppe reinkam? Kevin hatte ihn nie mit einem anderen Häftling zusammen gesehen. "Und ich habe Jerry schon vor 10 Jahren gekannt, und er mich. Also lass das mal meine Sorge sein." Der damalige Geiselnehmer schürzte die Lippen und nickte ein wenig abfällig, als er wieder aufstand. "Ich kann dir nur eins sagen: Wenn die rausbekommen, dass du ein Bulle bist..." Kevin spürte, wie sein Herz ein wenig fester schlug, denn eben weil er dieses Kaliber kannte, wusste er auch, dass Thomas Recht hatte. "... dann wird dir hier drin niemand helfen. Niemand."

    Drogendezernat - 11:30 Uhr

    Bienert zeigte sich sofort, wie versprochen, kooperativ. Semir hatte ihn noch aus dem Auto heraus angerufen, und angefragt, ob er ihnen einen Vernehmungsraum zur Verfügung stellen könne. "Wo habt ihr den Zeugen denn aufgegabelt?", wollte er noch interessenhalber wissen, doch Semir bügelte ein wenig ab: "Ach... ähm... der ist uns irgendwo zugelaufen." Der erfahrene Drogenfahnder musste schmunzeln und stellte keine weiteren Fragen mehr.
    Martin Fahndel, der festgenommene Junkie aus der Wohnung schien den Weg bestens zu kennen. Je dichter sich das Auto dem Gebäude der Drogenfahndung näherte, desto nervöser wurde er im Fond. Als Semir den Wagen parkte und Ben die Seitentür aufmachte, war seine Hand um den obigen Griff fester geklammert als die Handschellen es halten konnten. "NEIN!", schrie er beinahe panisch. "Ich will da nicht rein!!! Nicht zu denen!!!!" Ben schaute verwirrt, gespielt verwirrt, denn natürlich wusste er, warum der Typ das Drogendezernat scheute wie der Teufel das Weihwasser. "Was hast du denn? Die sind da alle total freundlich.", meinte er grinsend, doch Martin schüttelte panisch den Kopf. "Nein! Lasst mich hier drin!! Bitte, ich sag euch alles was ihr wollt! ALLES!!!" Semir kam dazu, ebenfalls belustigt und der ein oder andere Beamte, der aus dem Gebäude kam, musste lachen. "Mensch Martin, stell dich nicht so an. Was du dir reinpfeifst ist uns momentan egal. Los jetzt." Er löste die Handschellen, packte Martin an der Jacke und zog ihm gemeinsam mit Ben aus dem Auto. Der Mann entwickelte ungeahnte Kräfte, doch sein geschundener Körper machte ihm einen Strich durch die Rechnung, und so musste er dann doch klein beigeben.

    Bienert erwartete die beiden Autobahnpolizisten bereits vor dem Verhörzimmer und seine Augen bekamen einen erstaunten Gesichtsausdruck. "Martin Fahndel?", fragte er verwundert. "Oooh Herr Bienert. Bitte! Ich habe nichts getan, ich schwöre es ihnen.", begann der Junkie sofort wieder zu jammern. Scheinbar schienen sich die beiden zu kennen, während Ben Fahndel in den Verhörraum brachte, blieb Semir kurz bei Thomas Bienert stehen. "Du scheinst ihn zu kennen.", stellte der Kommissar fest. "Mit Martin Fahndel habe ich in den letzten Monaten mehr Vier-Augen-Gespräche geführt, als mit meinem Sohn.", seufzte er. "Ein hoffnungsloser Fall. Marihuana, Crack, Heroin... der nimmt alles, nur um ein bisschen Freude zu haben." Für einen Moment schien Bienert wie erschüttert, dass er einen seiner Kunden nicht von dem Teufelszeug wegbringen konnte. Würde er über jeden so trauern, wäre er wohl ziemlich verbittert, bei der Anzahl an Junkies in und um Köln. Er seufzte kurz auf: "Was hat er ausgefressen? Wie hängt er in dem Fall mit drin?" Semir stemmte die Hände in die Seite. "Das wissen wir noch nicht. Wir haben ihn in Schneiders Wohnung auf frischer Tat ertappt, wie er irgendwas gesucht hatte." "Ihr wart in Schneiders Wohnung?", wiederholte der erfahrene Drogenfahnder und war verblüfft. Semir schien für seinen Kollegen großes Risiko einzugehen. In einer Mischung aus Rechtfertigung und Entschuldigung hob Semir mit einem kurzen "Naja..." die Schultern. "Wir haben ausserdem das gefunden." Er kramte aus der Tasche das kleine Notizbüchlein heraus und blätterte zu der entsprechenden Seite. "Kannst du damit was anfangen?"

    Bienert schaute über die Zeilen und die Zahlen, seine Stirn legte sich kurz in Falten. "Das sind Drogenbestellungen. Solche Notizbücher finden wir sonst bei Dealern. Scheinbar hatte Mark Schneider einen Nebenverdienst. Die ersten Zahlen sind Codes für bestimmte Drogen. Aber jeder Händlerring hat eigene, manche auch mit Buchstaben. Die zweite Zahl ist die Menge, die dritte die Uhrzeit zur Übergabe." Semir nickte anerkennend, wenn jemand sein Handwerk verstand, dann war es Thomas Bienert. "Also, soweit ich das hier sehe... das ist keine Garantie, das können auch Pizza-Bestellungen sein.", meinte er grinsend. "Schon klar, Thomas.", meinte sein Kollege und klopfte ihm auf die Schulter. "Ich seh mal zu, ob ich vielleicht irgendwie aus den anderen Bestellungen rausbekomme, welcher Ring hier in Frage kommt. Aber definitiv sieht es so aus als hätte Mark Schneider noch anderen Dreck am Stecken." "Und damit auch jede Menge Feinde, die ihm ans Leben wollen. Danke, Thomas.", sagte Semir, nickte lächelnd und ging dann zu Ben in den Verhörraum, der sich auf dem Weg nach oben am Empfang einige Walnüsse aus einer Schale genommen hatte, die er jetzt mit der flachen Hand zerkleinert hatte.

    Das Ticken einer Uhr im Verhörraum war die nächsten 20 Minuten das einzige Geräusch, was die beiden Kommissare, ausser ihren eigenen Stimmen, vernommen hatten. Semir fragte mit Engelsgeduld, was er mit Mark Schneider zu tun hatte, woher er seine Drogen bekam, ob er wisse, von wem Schneider die Drogen bezog... es kam keinerlei Antwort. Martin hatte die Arme vor der Brust verschränkt, er saß ängstlich da, nicht arrogant und er blickte ständig nervös nach links und rechts.
    Ben verlor die Geduld. Er nahm Teile der Nussschale, die vor ihm lagen und warf sie Martin an den Kopf, dabei rief er wütend: "Mann, jetzt mach endlich den Mund auf." Die Aktion hatte insofern Wirkung, dass Fahndel tatsächlich etwas sagte: "Auaa.", rief er und rieb sich die Stirn. "Das ist Körperverletzung!" Mit Wucht schlug Ben mit der flachen Hand auf eine, bis dahin noch intakte Nuss, die in mehrere Stücken zerbarst. Sogar Semir, der damit einen Moment nicht gerechnet hatte, zuckte durch den Knall neben ihm auf. "Erst wenn ich DAS mit DEINEN mache.", sagte der Polizist überdeutlich. Es war normalerweise nicht Bens Art einen Zeugen einzuschüchtern, aber er wollte Informationen um jeden Preis um Kevin helfen zu können.
    Martin blickte nervös zwischen den beiden Männern hin und her. "Ist das so ein Spielchen... guter Bulle, böser Bulle.", wobei er abwechselnd erst auf Semir, dann auf Ben blickte. "Vergiss den guten Bullen, wir sind beide scheisse gelaunt.", meinte Semir, der in Bens Stimmung mit einfiel.

    Langsam merkte Martin, dass er hier nicht rauskam, ohne irgendetwas zu erzählen. "Na gut.... der Kerl hat mir meinen Stoff besorgt. Er hatte gute Preise, weil er das Zeug auch zu guten Preisen eingekauft hat. Aber mehr weiß ich wirklich nicht.", stotterte Martin sich eine Begründung zu recht. "Und warum warst du in der Wohnung?" Bens Stimme klang immer noch barsch, aber wieder etwas besänftigender als vorher, während er den Inhalt der Walnuß verzehrte. "Er... er wollte mir am Nachmittag, als er umgebracht wurde, noch etwas liefern. Ich... ich wollte nur das Zeug." Semir hatte die Arme vor seiner breiten Brust verschränkt und sah sein Gegenüber abschätzend an. "Von wem bekommt er die Drogen? Hat er mal irgendwas erwähnt?" Fahndel schüttelte den Kopf energisch und Ben bewaffnete sich wieder mit Stückchen der Nussschale. "Bist du sicher?", fragte er drohend. "Ja, ganz sicher!! Ich... ich hab ihn einmal zufällig in einer Diskothek in der Stadt gesehen. Im "99Grad", aber ich weiß nicht ob er von da auch was gekauft hat, oder Kontakte hat, oder irgendwas. ICH WEISS GAR NICHTS!!", rief Fahndel weinerlich. "Bitte bitte, sperrt mich nicht ein."
    Semir und Ben blickten sich kurz an, blindes Verständnis, Kommunikation ohne Worte... aus dem bekommen wir nichts raus. "Warte kurz...", sagte der erfahrene Kommissar zu seinem Partner und stand vom Stuhl auf.

    Er klopfte an Bienerts Tür, der ihn hereinließ. "Und? Habt ihr was rausgefunden?" Semir seufzte, das lange Schweigen schien anstrengend gewesen zu sein. "Bis auf die Tatsache, dass Schneider scheinbar ein Drogenzwischenhändler war... nichts." "Schau mal." Bienert winkte Semir um den Schreibtisch herum, zeigte im verschiedene Listen. Zu Zahlencodes gesellten sich Namen bekannter und unbekannter Drogensubstanzen. "Ich habe die Listen mal verglichen und versucht, sinnvolle Mengen zu der zweiten Zahl zu zu ordnen. Koks zu Kilos, oder Pillen zu sinnvollen Stückzahlen. Wenn eine 500 da steht, wird es kaum Koks sein, weil solche Mengen unrealistisch sind für kleine Zwischenhändler." Semir sah sich die Zahlen aufmerksam und interessiert an. Thomas hatte tatsächlich jede Zahl in verschieden mögliche Drogensorten umgeschrieben, die auf verschiedene Ringe passte, manche schloßen sich durch die Menge aus, dadurch schieden auch andere Ringe aus. "Ich habe das ganze Buch noch nicht durch. Aber es sieht verdammt danach aus, als hätte Schneider bei dem Drogenring eingekauft, in dem Kevin ermitteln sollte." Diese Erkenntnis löste in Semir einerseits eine gewisse Art von Erleichterung aus, da es durchaus möglich war, dass man ihm den Mord in die Schuhe schieben will. Auf der anderen Seite aber befürchtete der erfahrene Kommissar, dass man noch eher in Kevin Inidizien finden würde, wenn man rausbekommt, dass Kevin in dem Ring aktiv war, oder es zumindest versuchte. Diese beiden Gedanken teilte er Thomas mit, der ebenfalls gemischter Gefühle war. "Wir müssen in dem Ring ermitteln. Zu wem hatte Schneider Kontakt, zu wem hatte er Feinde?", sagte Semir, doch Bienert schüttelte beinahe resignierend den Kopf. "Semir... in den Ring kommst du nicht rein. Wir arbeiten da jetzt schon zwei Jahre dran. Was glaubst du, warum ich Kevin gefragt habe?" Und dann sagte er etwas, was Semir so nicht erwartet hatte, und die Erleichterung wieder von ihm nahm. "Ihr habt es versucht... aber ich fürchte, ihr werdet Kevin nicht helfen können..."

    Schneiders Wohnung - 10:15 Uhr

    Atemlos standen die beiden Kommissare hinter der Tür und warteten. Die Anspannung war zum Schneiden, die Fasern der beiden zum Zerreissen gespannt. Das Klicken und Klacken im Türschloß wollte nicht aufhören, ganz eindeutig versuchte hier jemand mit einem Dietrich die Tür zu öffnen. Ben ließ den Zeigefinger über den Abzug gleiten vor Nervosität, als das Schloß sich öffnete, und die Tür langsam nachgab. Mit leisen, aber für die beiden Beamten deutlich hörbaren Schritte trat die Person ein, schloß die Wohnungstür wieder direkt hinter sich. Semir lehnte sich ein wenig vor, er wollte einen guten Blick haben und hoffte, dass die Person nicht sofort den Weg ins Arbeitszimmer suchen würde. Gleichzeitig überlegte er fieberhaft, wer der unbekannte Eindringling sein könnte. War es Jenny, die auf die Anweisung von Semir pfiff und selbst nach Kevins Unschuld suchen wollte? War es Plotz... wobei der eigentlich auch auf offiziellem Wege in die Wohnung gehen könnte, ohne das Schloß zu knacken.
    Auch Bens Gedanken wollten nicht abreißen. Sein erster Gedanken galt Bienert, dem er nicht ganz so sehr vertraute, wie es Semir tat. Hatte der Drogenfahnder vielleicht doch Dreck am Stecken, und wollte schnell Beweise vernichten, bevor Semir und Ben sie fanden?

    Als der junge Mann mit den lockigen Haaren und der Brille im Gesicht an der Bürotür vorbeischlich und den Weg Richtung Wohnzimmer einschlug, schienen sowohl Semir als auch Ben ein wenig aufzuatmen. Kein Plotz, kein Bienert, keine Jenny... ein unbekannter Eindringling, der sich jetzt lautstark im Wohnzimmer zu schaffen machte. Ein zufälliger Einbruch, oder kannte der Kerl Schneider etwa... und suchte jetzt etwas Bestimmtes? Das galt es nun heraus zu finden.
    Mit einem kurzen Handzeichen bedeutete der erfahrene Kommissar seinem Partner, aufzubrechen. Lautlos öffneten sie die Bürotür, die Waffen im Anschlag und näherten sich dem Gepolter im Wohnzimmer. Der Typ, den sie nur von hinten sahen, machte sich keinerlei Mühe unauffällig vorzugehen, was er aufrieß warf er einfach auf den Boden. Er wirkte hektisch, beinahe panisch und murmelte immer: "Wo sind die Dinger? Wo sind die Dinger?"
    Ben und Semir richteten die Waffen auf den Kerl und Semir rief laut: "Keine Bewegung! Polizei!" Wie vom Blitz getroffen drehte der Typ sich um. Seine Haut war bleich, beinahe kränklich gelb und seine Augen weit aufgerissen. "Scheisse...", rief er laut und kam sofort in Bewegung auf die Beamten zu Richtung Ausgang. Die wussten für einen Moment nicht, wie ihnen geschah, dass jemand, der scheinbar unbewaffnet war einfach auf sie zustürmte und sich nicht um die Pistolen scherte, die auf ihn gerichtet waren, war neu für sie. Scheinbar konnte der Kerl nicht klar denken, er prallte gegen Semir und Ben, die die Waffen zum Schutz nach oben zogen. Mit einem leichten Stöhnen krachte der Mann zu Boden, während Ben und Semir nur zwei Schritte nach hinten wankten. Er sah nicht nur im Gesicht kränklich aus, sondern war auch noch ziemlich dünn und offenbar federleicht.

    Noch bevor er sich panisch wieder aufrappelte, um den nächsten sinnlosen Fluchtversuch zu starten, wurde er von Semir gepackt und ihm die Arme auf den Rücken gedreht. Dabei kam es dem erfahrenen Polizisten so vor, als hätte er blanke Knochen in der Hand, und sowas kannte er in der Kombination mit dem kränklichen Gesichtsausdruck nur von einer Gruppe Menschen: Drogenabhängigen, meistens Heroin oder neuerdings auch Crystal Meth. Und dieser Kandidat war offenbar gerade auf Entzug, so nervös und unkoordiniert wirkten seine Bewegungen und vor allem sein Fluchtversuch. Mit einem geübten Griff hatte Semir dem Kerl Handschellen angelegt, und ihn zu sich gedreht. "Was hast du hier verloren?", fuhr er ihn an und der Typ machte den Eindruck, als schwanke er zwischen einem Tobsuchtanfall und einem Heulkrampf... er schien sich nur nicht entscheiden zu können. "Ich... ich... nichts.", stotterte er völlig unsicher und blickte wild zwischen den beiden Kommissaren hin und her. "Du brichst in einen Tatort ein, wegen nichts? Das ist ein bisschen wenig.", merkte der erfahrene Beamte scharf an. "Du hast doch hier was gesucht. Was für Dinger hast du gesucht?", fragte nun auch Ben mit fester und strenger Stimme, die den Kerl immer nervöser werden ließ. Seine Blicke waren wild, seine Pupillen klein. Ganz eindeutig war er auf Entzug, und bekam ausser einigem Stottern nichts raus.

    Für Semir und Ben war dieser Zufall beinahe Gold wert. Von dem Typ würden sie vielleicht wertvolle Informationen bekommen. Ausserdem war es als Tarnung für den Einbruch "perfekt", denn mehrere Nachbarn beobachteten sie, als sie den Kerl durch das Treppenhaus abführten. So konnten sie sagen, dass sie einen Drogenabhängigen verfolgt hatten, der dann hier eingebrochen sei. Dort hätten sie ihn auf frischer Tat gestellt. Dass sie aus dem Büro kamen, hatte der Typ, der laut Ausweis Martin Fahndel hieß, nicht gesehen.
    Ben klickte die Handschellen an die Haltestange im Fond, so dass er keinen Unsinn machen konnte. "Und jetzt?", fragte er, als er sich auf den Beifahrersitz fallen ließ. "Auf unser Revier können wir ihn nicht bringen. Falls die Chefin nur einmal kurz ins Nebenzimmer kommt, bekommt sie alles mit." Semir nickte zustimmend, und schaute nach hinten zu Martin, der ein wenig zitternd aus dem Fenster sah. "Wir fahren zu Bienert. Er kann uns sicher einen Verhörraum zur Verfügung stellen. Und vielleicht kann er uns auch helfen mit den Zahlen in dem Büchlein. Wenn sie was mit Drogen zu tun haben, kennt er dieser Zahlenspielchen bestimmt." "Drogen?", quiekte Martin erschrocken. "Ich hab nichts mit Drogen zu tun. Ich sag nichts zu Drogen." Beide Polizisten sahen zu ihm nach hinten, und schüttelten mit dem Kopf, als Semir den BMW startete.

    Schneiders Wohnung - 9:45 Uhr

    Es war, weiß Gott, nicht zum ersten Mal dass sich Semir illegalerweise Zutritt zu Tatorten oder Wohnungen verschafft hatte. Früher mit Tom, mit Jan, aber auch schon mit Ben. Der Unterschied zu heute war damals allerdings, dass sie meist in einem Ermittlungsverfahren nicht weiterkamen, Beweise gesucht hatten oder damit die Nachforschungen vorangetrieben hatten. Heute suchten sie zwar auch nach Beweisen, allerdings um einen verhafteten mutmaßlichen Todschläger zu entlasten, der bereits im Gefängnis saß und mit dessen Fall die beiden Polizisten eigentlich nichts zu tun hatten. Aus diesem Grund heraus war Semir überaus nervös, als er den BMW zu der Tatortadresse lenkte. "Ben, das gefällt mir nicht.", sagte er andauernd, rieb sich mit den rechten Fingern über die linke Handoberfläche, die auf dem Lenkrad lag. Ben seufzte etwas genervt... das ging jetzt schon die ganze Fahrt über so. "Du hast doch keinen besseren Vorschlag. Wenn wir offiziel was machen, dann hängt uns die Chefin sofort auf dem Hals.", rechtfertigte er seinen Plan. "Wenn wir erwischt werden, dann haben wir nicht nur die Chefin auf dem Hals. Denk an deine Karriere." Semir grinste, er grinste immer wenn er Ben mit seiner "Karriere" aufzog. Der junge Polizist sah die Autobahnpolizei, als er gekommen war, nur als Durchgangsstation an und verärgerte den, damals schon über 11 Jahre dort beschäftigten Semir. Mittlerweile war er selbst schon 7 Jahre da, und hatte keinerlei Ambitionen die Dienststelle zu wechseln, um weiter in der Karriereleiter nach oben zu klettern. "Ach...", winkte Ben ab, er wollte sich jetzt nicht necken lassen.

    Semir versuchte die Gedanken, und die Bedenken zu verdrängen. Letztendlich war die Idee wirklich nicht schlecht, denn Plotz hat die Wohnung sicherlich nicht so gründlich durchsuchen lassen, nachdem er die ersten Hinweise und Beweise gegen Kevin in der Hand hatte, um ihn festzusetzen. Was aber, wenn sie nichts fanden? Semir war sowieso nicht so sehr überzeugt wie Ben, er dachte mehr mit dem Kopf als mit dem Herzen. Im Herzen natürlich wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass sein "kleiner Bruder" (Kevin hatte ihn mal als großen Bruder bezeichnet) unschuldig war... zumindest unschuldig vor dem Vorwurf des Mordes.
    Ausserdem war der erfahrene Ermittler immer noch ein wenig erschüttert darüber, dass Kevin einen letzten Strohhalm griff, um Polizist zu bleiben, in dem er den Auftrag von Bienert annahm. Er wollte es bei seinem befreundeten Kollegen nicht sagen, aber er hielt solch einen Einsatz für Wahnsinn. Kevin begab sich ohne Schutz in Gefahr, weder konnte er auf schnell einsetzende Verstärkung hoffen, wenn es mal brenzlig wurde, noch war er durch den Staat bei Straftaten geschützt, und man konnte es mit dem Undercover-Einsatz entschuldigen. Obwohl Semir generell viel von Bienert hielt, und kaum an seinen Worten zweifelte, so war er sich doch nicht sicher, ob er sich damit übernommen hatte, Kevin im Falle des Erfolgs aus dem internen Ermittlungsverfahren rauszuboxen, und ihm so seine Dienstmarke wieder zu beschaffen. Doch das war jetzt eh das kleinste Problem, sowohl für Bienert als auch vor allem für ihren Freund, der jetzt im Gefängnis saß.

    Sie hielten vor der Altbau-Wohnung, die in einem der besten Vierteln der Stadt lag. Die Sonne schien, die Luft war warm, es war ein herrlicher Tag und nichts deutete auf Unheil hin, als die beiden Beamten zur Tür kamen, den Namen "Mark Schneider" auf der Klingel lasen und gerade Glück hatten, als eine alte Frau zur Haustür rausging, so dass sie in den Flur schlüpfen konnten. Die Wohnung lag in der zweiten Etage, der Flur war sehr annehmlich und man merkte, dass hier besser betuchte Menschen wohnten, und der Hauseigentümer das Mietshaus in Schuss hielt. "Als Kommissarsanwärter... nicht schlecht.", nickte Ben anerkennend, als sie in der zweiten Etage angekommen waren und der, von Haus aus ebenfalls nicht arme Kommissar, sein Dietrich-Mäppchen zog, das er im Büro eingesteckt hatte. Semir nahm es entgegen und murmelte: "Jetzt darf ich auch noch die Drecksarbeit machen.", murmelte er, kniete sich vor die Tür und begann am Schloß rumzuhantieren. Ben stand dicht hinter ihm, sah immer nach rechts und links, doch die knarzigen Holztreppen würden frühzeitig vor Menschen warnen.
    Semir hatte den Dietrich ins Schloß gesteckt, und hantierte daran herum. Das Werkzeug griff nicht, rutschte raus und wollte einfach nicht funktionieren, so dass der erfahrene Beamte zu rütteln begann. "Gehts vielleicht noch lauter?", zischte Ben irgendwann, und Semir riss den Dietrich heraus. "Das Ding ist scheisse, das klappt nicht." Wieder seufzte Ben und nahm Semir den Dietrich aus der Hand. "Alles muss man selber machen." Grinsend stand sein Freund auf und stellte sich seinerseits nun hinter Ben. Der brauchte nur einige Bewegungen mit dem Dietrich, wobei er leise sagte: "Ein wenig Gespür... und auf ist die Tür." Dabei grinste er wie ein kleines Kind, als er die Tür aufdrückte und hineinging. Semir folgte ihm kopfschüttelnd. "Ein Typ ist das..."

    Semir verschloß die Tür hinter sich und beide Polizisten schritten durch den hellen Flur, der mit weißen Landhausdielen ausgelegt war, wie auch der Rest der Wohnung. Sie war modisch eingerichtet und hatte doch den unvergleichbaren Stil, in einem alten Haus, einer Stadtvilla zu liegen. Besonders zu sehen war das an den Sitzbänken vor den Fenster, die etwas aus der Fassade hervorgehoben waren. Das Wohnzimmer war mit einem Polizeiband versiegelt, eine Zeichnung des Ablageortes der Leiche noch auf dem Boden, einige getrocknete Blutspritzer eingekreist. Das, was die KTU untersucht hatte, war wieder säuberlich weggeräumt worden.
    Die beiden Polizisten zogen sich Einmalhandschuhe an und Semir meinte noch: "Dann wollen wir mal." Sie gingen durch alle Räume, durchsuchten die DVD-Schränke, Geschirrablagen, schauten in Essensaufbewahrungspackungen, verschoben die Schränke, soweit es ging. Ben tastete eine Schublade nach doppelten Boden ab, während Semir sich im Büro an den Ordnern zu schaffen machte. Viele Rechnungen, Versicherungs-Policies, private Briefe, Verträge. "Ein ganz normales Leben...", murmelte Semir in Gedanken. Danach durchsuchte er den Schreibtisch, hob einzelne Blätter hoch, Rechnungen, Kostenvoranschläge, Angebote für einen Hausbau. Dieser fiel dem erfahrenen Ermittler ins Auge. "300000 Euro fürs Eigenheim... als Kommissarsanwärter.", sagte er. Das war eindeutig zu hoch gegriffen. Der Schubladenboden aus dem Schreibtisch kam ihm dicker vor, als der auf der anderen Seite. Er tastete von oben und unten, drückte gleichzeitig und spürte einen Hohlraum. Semir kniete sich unter die herausgezogene Schublade und konnte einen Haltemechanismus entdecken, womit er die Blende der Schublade einfach entfernen konnte und zwischen die dünnen Spannplatten greifen konnte. Er beförderte ein Notizbüchlein hervor.

    "Ben? Ich hab was.", rief er mit gedämpfter Stimme, weil er Angst vor dem gegenüberliegenden Nachbar hatte. Sein Partner kam sogleich ins Büro und schaute interessiert, als Semir bereits in dem Notizblock blätterte. Doch das, was er las, war für ihn nicht verständlich. "423 - 10 - 5:00", "333 - 500 - 2:00" Dies war alles untereinander geschrieben, teilweise abgehakt. "Was soll das bedeuten?", murmelte er, während Ben sich schräg hinter ihn stellte und dem kleinen Semir über die Schulter ins Buch sah. Man konnte beinahe sehen, wie es in ihren Köpfen arbeitete. "Das sieht aus wie eine Auflistung... Bestellungen.", sagte er. "Wo liest du da ne Bestellung raus?" "Na... ich weiß nicht." Ben tippte mit dem Finger auf die letzte Zahl. "Das könnte vielleicht eine Uhrzeit sein." "Es könnte aber auch 5 dividiert durch 00 heißen.", meinte Semir grinsend und sein Partner schlug ihm scherzhaft und schmerzlos an den Hinterkopf. "Durch 0 kann man nicht dividieren, du Höhlenmensch."
    Ein eindeutiges Geräusch ließ die beiden sofort ihre Scherzereien vergessen und zusammenzucken. Das Geräusch kam unverkennbar vom Türschloß, und es klang eindeutig wie der Dietrich, mit dem Ben die Tür aufgesperrt hatte. Instinktiv griff Ben danach, aber er hatte es in der Tasche und nicht aussen stecken lassen. "Verdammt... wir kriegen Besuch.", wisperte Semir. Geistesgegenwärtig zog er die Bürotür bei, ließ sie nur einen Spalt offen. Die beiden Polizisten zogen ihre Dienstwaffen und stellten sich an den Spalt... Semir, der durch die kleine Öffnung lugte, um zu sehen, wer sich Zutritt zur Wohnung verschaffte, Ben dicht hinter ihm. Beide konnten jeweils den krampfhaft gedämpften Atem des Anderen hören und ihre Herzen klopfen, als die Wohnungstür sich öffnete.

    JVA - 9:00 Uhr

    Thomas hatte recht... An Einschlafen war nicht zu denken. Kevin hatte nie einen besonders hohen Anspruch daran, besonders bequem oder luxuriös zu nächtigen, aber die Atmosphäre in der Zelle war höchst bedrückend, vor allem nach dem der Wärter gegen 22 Uhr die Zelle abschloß, und das Licht erlosch. Die Britsche war hart, die Luft in der Zelle ein wenig stickig, obwohl das Fenster (mit dahinter liegenden Gitterstäben) offen stand und ein wenig der sehr milden Nachtluft in die Zelle ließ. Kevin lag ohne Decke, nur in einem alten Shirt und Shorts bekleidet auf dem Bett, konnte ein wenig entfernt das leise Atmen von Philipp vernehmen und spürte auf einmal eine unheimlich wirkende Einsamkeit in sich aufsteigen.
    Kevin hatte vor wenig Dingen Angst... doch jetzt hatte er Angst. Er hatte Angst vor Einsamkeit, er hatte Angst davor die nächsten Jahre hier drin zu verbringen. Es war die Aussichtslosigkeit auf den morgigen Tag, und den nächsten und übernächsten Tag. Er kugelte sich ein wenig zusammen, verschränkte die Arme vor der Brust und zog die Beine an. Zu gern würde er jetzt in seinem Bett liegen... zu wissen morgen zum Dienst zu gehen, oder zum Sport... oder zu Jenny... mit Ben abends zu einem Konzert gehen oder durch die Kneipen zu ziehen. Verdammt... warum dachte er jetzt an die Dinge, die er in Freiheit versäumt hatte, weil er allein sein wollte, und sich in sein Schneckenhaus verzogen hat. Jetzt war er allein... hatte er doch was er wollte. Warum dachte er jetzt daran?

    Nach einigen Stunden war es ihm zuviel... er nahm die Joints, setzte sich ans offene Fenster und zündete sie sich mit seinem Feuerzeug an, das man ihm nicht abgenommen hatte. Dabei sah er durch die Gitterstäbe auf eine Nebenstraße, die neben dem Gefängnis auf die offenen Felder ausserhalb von Köln führten. Er merkte die Wirkung des Cannabis nicht sofort, aber sein aufgewühltes Inneres wurde tatsächlich ruhiger. Er blies den Rauch durch die Gitter nach draussen und spürte die milde Luft an seinen nackten Armen. Das Gras hatte keine aufdrehende, sondern eine beruhigende Wirkung, er fühlte sich müde und ausgeglichen. Das extreme Einsamkeitsgefühl verschwand und wich einer inneren Ruhe, die ihn langsam wieder ins Bett zurückzog.
    Dort angekommen und hingelegt, schloß er die Augen und schlief ruhig ein, bis er von den Wärtern um halb 8 durch lautes Klappern geweckt wurde. Er blinzelte durch die, von der Sonne hell erleuchtete Zelle, er sah dass Philipp bereits auf war und sein Handtuch zurecht legte. "Warte, ich komm mit.", meinte der junge Polizist etwas schlaftrunken, doch Philipp war bereits auf dem Weg nach draussen. "Ich will mich beeilen, damit ich alleine in der Dusche bin.", sagte er, und Kevin konnte deutlich wieder seine Unsicherheit und seine Angst heraushören. Offenbar hatte er wirklich die Befürchtung, er könnte immer und überall auf Gefahr treffen. "Jaja...", sagte Kevin und quälte sich aus dem Bett, nahm sein Handtuck und Duschzeug, dass er gestern bei Ankunft bekommen hatte, und folgte dem deutlich kleineren Jungen durch die Gänge.

    Philipp hatte sich geirrt... er war zu langsam. In der Dusche standen bereits zwei Männer, die sich Wasser über die nackten Körper laufen ließen. "Oh nein...", murmelte er und zog sich das Shirt und die Shorts aus, Kevin tat es ihm gleich. Dabei glitt sein Blick eher zufällig über den Rücken und die schmale Körperseite seines Zellenkumpanen, und seine Miene fror ein. "Wie siehst du denn da aus?", sagte er mit seiner markanten Stimme und Philipp schreckte auf. "Nichts... das ist nichts!", sagte er hastig und verdeckte die Blutergüsse und blau-grün schimmernden Flecken. Beinahe wie ein geprügelter Hund schlich er in die Gemeinschaftsdusche, so weit wie möglich weg von den beiden Typen, die ungefähr Kevins Statur hatten. Kein Wunder, dass er dauernd Prügel bezog, dachte Kevin. Mit seiner Ausdrucksart gab er denn perfekten Prügelknabe, der beinahe ein Schild um sich trug "Ich habe Angst und wehre mich nicht." Typen, die auf Ärger aus waren konnten sowas riechen.
    Nicht zufällig stellte sie Kevin unter eine Dusche, die zwischen Philipps Duschkopf und den beiden Typen war. Das warme Wasser tat gut auf seinem Körper, aber er fühlte sich unbehaglich, denn die beiden Kerle tuschelten bereits. Sein Instinkt und sein Körper waren gewarnt, und er merkte sofort, dass Ärger wohl unausweichlich war... der arme Philipp.

    Es dauerte auch nicht lange bis einer der Typen an Kevin vorbeiging in Richtung Philipp. Der junge Polizist liess die Szene nicht aus den Augen, und die beiden tätowierten Typen rechneten auch nicht damit, dass mal jemand für den kleinen Kerl Partei ergreifen würde. In direkter Nähe blieb er stehen, nahm Philipps Duschgel und warf es vor ihm auf den Boden. Mit hämischen Grinsen sagte er: "Na komm Kleiner... Bück dich für mich." Dabei lachte er, und auch sein Freund schien es als tollen Witz zu empfinden, wenn sie den kleinen Philipp demütigten. Kevin hatte den Kerl hinter sich im inneren Blick, als er einen Schritt zu dem Kerl bei Philipp machte und sagte: "Entweder hebst du das Duschgel selbst auf, oder du kannst es zusammen mit deinen Vorderzähnen aufsammeln.", meinte er mit monotoner, und gelangweilter Stimme, als wäre es das normalste von der Welt... was noch provokanter klang, als die Drohung ohnehin schon war. Er konnte danach nicht sagen, wer ungläubiger dreinblickte... der Typ, der herausgefordert wurde von einem, der gerade mal 18 Stunden im Knast war, oder Philipp, der es nicht gewohnt war, dass sich jemand für ihn einsetzte. Er fand Kevin zwar sympathischer als seine bisherigen Zellenfreunde, aber er aus dem Grund weil er dachte, er ist noch neu und wäre irgendwann so wie alle anderen, wenn er erstmal Freunde gefunden hatte.
    "Bist du verrückt oder lebensmüde?", fragte der Typ, der sich zu Kevin umdrehte und von Philipp weg. Der drehte eilig das Wasser aus, und wollte schon auf dem schnellsten Wege verschwinden... zumindest sicherte er sich etwas Vorsprung zum Ausgang.

    Kevin wollte eigentlich auf den ersten Schlag warten, doch sein Hintermann kam ihm zuvor... anscheinend war er nicht der Hellste und belustigte sich gerade über Kevins Tattoo. "Hey Theo... der Typ hat tatsächlich ein Tattoo seiner Ollen auf dem Rücken.", gluckste er belustigt, als er das Konterfei von Janine entdeckte, ohne auf die Zahlen darunter zu achten, die Geburts- und Todesdatum zeigten. Nun war Philipp erschrocken über die plötzlich hart werdenden Augen seines Zellenkumpanen, als der eingeordnet hatte, was der Typ hinter ihm gerade gesagt hatte... und bevor "Theo" wirklich schauen konnte, was Kevin auf dem Rücken hatte, ließ der ohne Vorwarnung seinen Ellbogen nach hinten schnellen. Der harte Knochen traf voll ins Schwarze, mit einem ungesunden Knacken gab sofort das Nasenbein des Kerls nach und Blut schoss aus der Nase. Er taumelte, verlor das Gleichgewicht, Schmerz und Blut taten ihr übriges dass er Bekanntschaft mit dem glitischigen feuchten Duschboden machte, und wimmerte. Jetzt hielt Philipp es nicht mehr aus, er warf sich sein Handtuch um den nassen Körper und nahm reißaus in Richtung sicherer Zelle.
    Noch bevor Theo wirklich realisierte, was gerade geschah, spürte er Kevins kräftige Hand um den Hals und die Duschwand in seinem Rücken. Er hatte seine Kraft über- und Kevins Kraft unterschätzt, er versuchte sich abzustoßen und die Hand des Polizisten wegzudrücken, doch beides gelang nicht... zusätzlich erschwerte Kevin ihm das Atmen. "Wenn ihr Philipp noch einmal zu nahe kommt, dann verliert ihr mehr als nur eure Nasen.", drohte er zischend. Mit einem würgenden Geräusch gab der schmierige Typ Antwort, doch Kevin war noch nicht fertig: "Und wenn ich hier in Zukunft nicht in Ruhe duschen kann, dann werde ich erst richtig ungemütlich. Haben wir uns verstanden?" Soweit es Theo möglich war, nickte er mit dem Kopf wild hin und her, bevor Kevin ihn mit einem kräftigen Ruck in Richtung seines, am Boden zitternd liegenden Freundes beförderte.

    Fast symbolisch und provokant wischte er sich die Hand, mit der er den Kerl gepackt hatte, am Handtuch zuerst ab, bevor er sich abtrocknete und die Duschen verließ.

    Dienststelle - 8:15 Uhr

    Es herrschte eine bedrückende Stille im Büro der beiden Autobahnkommissare, die nur vom gelegentlichen Schluchzen Jennys unterbrochen wurde. Verzweifelt klammerte sie sich an Ben, der ihr einen Halt bot, und sie nahm diesen Halt dankbar an. Semir hatte sich mittlerweile ebenfalls auf die andere Seite des Schreibtisches begeben, hatte sich halb auf Bens Arbeitsplatz gesetzt und strich Jenny über die Haare.
    "Das kann er einfach nicht gemacht haben...", wimmerte die junge Beamtin immer wieder, und war selbst nicht überzeugt. Ihre Gedanken schwankten, mal war sie 100 Prozent sicher, dass Kevin den Kerl nicht getötet hat, dann überwog wieder die Erkenntnis, dass es tatsächlich so gewesen sein könnte. Auch jetzt, bei Ben und Semir, wusste sie einfach nicht was sie denken sollte.
    Die beiden Polizisten wollten Jenny trösten... sie wollte, dass es ihr besser geht und so verständigten sie sich mit kurzen Blicken, die besagten: "Ja, wir sagen Jenny die Wahrheit."

    Die junge Frau löste sich von Ben und fuhr sich durch die Haare. Ihren Gefühlsausbruch versuchte sie unter Kontrolle zu bringen, sie atmete etwas schneller und fuhr sich mit der Hand über die Lippen. "Wir glauben auch nicht, dass er ihn umgebracht hat, Jenny. Und wir versuchen ihm zu helfen.", sagte Ben, um sie ein wenig aufzubauen. Semir spürte bei seinem ersten Satz sofort ein Ziehen im Magen, wie ein Warnsignal. Er war lange nicht so sehr von Kevins Unschuld überzeugt, und das meinte er gar nicht böse, aber er konnte einfach nicht den Polizisten in sich ignorieren, der die Fakten beurteilte. "Jedenfalls versuchen wir alle anderen Möglichkeiten auszuschließen.", lenkte er ein wenig ein, und nickte Ben kurz zu. "War Kevin seit dem Abend, als er bei dem Drogendeal erwischt wurde, bei dir? Oder hast du mit ihm gesprochen?", fragte Semir, obwohl er das aus dem Bericht ja bereits wusste, dass Jenny ihm von der Vergewaltigung erzählt hatte. Sie nickte und konnte sich ihrerseits fast denken, dass auch Ben und Semir von der Vergewaltigung wussten. Sie hoffte inständig, dass sie sie darauf nicht ansprechen würden, und so nochmal die Erinnerungen hochkamen. "Was hat er dir erzählt?"
    Jenny schniefte kurz: "Er hat gesagt, dass er den Stoff für einen Freund besorgt hat. Aber das hab ich nicht so recht geglaubt..." Ben atmete ein wenig auf und meinte: "Wir wissen zumindest sicher, dass er den Stoff nicht für sich gekauft hat. Wir können dir jetzt noch nicht alles sagen, aber Kevin hat eine Rolle gespielt an dem Abend." Jenny blickte ein wenig verwirrt, doch dieser Abend interessierte sie gar nicht mehr. "Ich will wissen, ob Kevin diesen Kerl umgebracht hat... bitte, findet das heraus." Die beiden Polizisten versprachen es.

    "Glaubt ihr, wir können ihn besuchen?", fragte Jenny dann ein wenig hoffnungsvoll, aber Semir machte einen skeptischen Gesichtsausdruck. "So wie ich Plotz kenne hat er sicher jeglichen Besuch zu ehemaligen Kollegen untersagt. Schon alleine, weil...", er stockte kurz. 'Weil du in dem Fall Gegenstand bist', vollendete er den Satz in Gedanken und hätte sich auf die Zunge beißen können. "Weil?", hakte Jenny ein wenig verwundert nach, die den Zusammenhang nicht recht deuten konnte. "Weil Plotz nur Cheeseburger im Kopf hab. Im Ernst, der kann uns nicht ab, und schon allein deswegen wird er uns den Kontakt zu Kevin verweigern.", half Ben seinem, ins Schwimmen geratenen Kollegen wieder an Land. Bens Gesichtsausdruck sprach dabei Bände: "Du unsensibles Rindvieh.", blieb unausgesprochen, aber Semir konnte es beinahe auch stumm vernehmen.
    Jenny seufzte und bedankte sich bei ihren Kollegen. "Bitte haltet mich auf dem Laufenden. Was habt ihr jetzt vor?" "Ja, was haben wir eigentlich jetzt vor? Der Kaffee und das Crossaint kamen ja heute morgen nicht von ungefähr.", wiederholte Semir und sah Ben nun herausfordernd an. Der wusste, dass immer eine Idee ins Haus stand, von der Semir nicht begeistert war, wenn Ben Frühstück servierte und spendabel war.

    "Ja... also... ich hatte da eine Idee.", meinte der jüngere der beiden Kommissare und druckste ein wenig rum. "Wenn Plotz am Tatort so schnell Kevins Beschreibung bekommen hat... vielleicht haben die auch die Wohnung nicht sorgfältig durchsucht." Er grinste vielsagend in Semirs Richtung, bei dem bereits alle Alarmglocken schellten. "Oh nein...", sagte der sofort und hob, wie ein Lehrer, den Zeigefinger mit Scheibenwischer-Bewegung. "Ach Semir, komm schon. Dass wäre ja wirklich das erste Mal, dass wir uns an Dienstvorschriften halten." "Und wenn es das erste Mal ist... wenn wir dabei erwischt werden, dann fällt das auch auf Kevin zurück.", wurde der Kommissar von seinem älteren Partner ermahnt. "Von dem Donnerwetter der Chefin ganz zu schweigen."
    Ben lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme gönnerhaft vor der Brust. "So so... der Herr Gerkhan bricht also nicht in eine Wohnung ein um Beweise zu sammeln. Aber in einen Boxclub kann man einbrechen, wenn man wissen will ob sein ehemaliger Partner sich dort versteckt." Semir kniff die Augen zu Schlitzen zusammen... ja, sie waren in Andrés Boxclub eingebrochen, als sie nach dem ehemaligen Partner von Semir gesucht hatten... auf Semirs Geheiß. "Willst du mir jetzt jedesmal mit André kommen?", fragte er mit schief angelegtem Kopf, und bekam von Ben grinsend Antwort: "Nur, wenn es zu meinem Vorteil ist."

    "Bitte nehmt mich mit... ich kann euch helfen.", sagte Jenny dann, die das Geplänkel verfolgte und sich in Anwesenheit der beiden Polizisten wohler fühlte... irgendwie spürte sie, dass wenn jemand Kevins Unschuld beweisen würde, es nur Ben und Semir sein konnten. Sie hatten etwas Vertrauendes, etwas, das das Mädchen glauben ließ, sie würden es schaffen, und sie würden Kevin nicht hängen lassen.
    Doch auch hier schüttelte Semir den Kopf. "Nein. Das würde zu sehr auffallen, wenn du mit uns auf Streife fährst.", bestimmte er und erntete missmutige Blicke. "Jenny, sei vernünftig. Lass uns die Sache regeln. Ausser dir weiß jetzt auch niemand wirklich Bescheid. Sag bitte nichts zu Hotte und Dieter, und schon gar nicht zur Chefin. Wenn sie rausbekommt, dass wir für Kevin ermitteln, wird sie uns ganz schnell aus dem Verkehr ziehen."

    Ich werde zwar nicht regelmäßig lesen können, aber hab mir auch das erste Kapitel durchgelesen. Du schreibst wirklich besser, als es dein Eingangsstatement vermuten lässt ;) Schön tiefgestapelt. Ne im Ernst, das liest sich gut und flüssig, mit den Satzzeichen hat Yon recht.

    Von mir noch ein kleiner Tipp... mehr Absätze, mit Return und einer Spalte Platz, vor allem unter Infos wie "6 Wochen später", sonst wirkt es unstrukturiert.

    Ich orientiere mich immer an der Größe des Schreibfenster bei einer direkten Antwort, meine Absätze sind immer ungefähr so breit wie das komplette Fenster, das heißt wenn die letzte Leerzeile oben verschwindet weiß ich ungefähr, es ist Zeit für nen Absatz ;-).

    Mach weiter so.

    Jenny's Wohnung - 21:00 Uhr

    Der Alltag lief an Jenny vorbei, wie die Landschaft wenn man selbst in einem Schnellzug saß. Sie hatte all ihre Empfänger für Gefühle abgeschaltet, sie leistete Dienst nach Vorschrift, sprach wenig und versuchte sich mit soviel Arbeit wie möglich abzulenken. Sie übernahm jede Streife, abwechselnd mit Dieter und Hotte, sie bot sich an jeden noch anzufallenden Bericht oder Waffennachweis zu schreiben. Ihre Streifenkollegen wunderten sich... sie war zwar immer fleißig, doch nie so arbeitssüchtig, ausserdem sonst immer fröhlich und offen. Anna Engelhardt beobachtete Jenny genau und wollte einschreiten, wenn es ihr zuviel wurde. Sie hatte eigenmächtig dafür gesorgt, dass die Lageberichte über die Festnahme von Kevin nicht im Verteiler der Autobahnpolizei gelandet war, erklärte, dass sie sich selbst um das Problem kümmern würde und ließ ihre Mannschaft im Glauben, es handele sich um ein technisches Problem. Am nächsten Tag würde der Lagebericht wieder ganz normal kommen, eine Nachlieferung des alten gäbe es nicht, es sei eh nichts wichtiges für die Autobahnpolizei dabei gewesen.
    Mehrmals am Tag hatte Jenny das Bedürfnis Kevin anzurufen. Es nagte an ihr, dass er unter Verdacht geraten war, ihren Vergewaltiger getötet zu haben, aber gleichzeitig kamen auch immer die Zweifel, ob diese Geschichte nicht vielleicht doch wahr war. In Verbindung dessen, was Ben damals über Kevins Blackout auf dem Dach der Fabrik erzählt hatte, und der Beachtung dessen, was Kevin mit seiner Schwester erlebt hatte... konnte es vielleicht wirklich stimmen, dass ihm die Sicherung durchgebrannt waren? Dass er diesem Schneider einen gezielten Schlag versetzt hat, dass dieser starb? War es ein Unfall? Die Gedanken frassen an Jenny und verhinderte, dass sie seine Nummer wählte.

    Abends kam sie nach Hause, war müde und erschöpft. Andrea fuhr sie in den letzten Tag nach Hause und kam sie morgens abholen, die Ehefrau von Semir ließ das junge Mädchen nicht gerne allein, wollte immer mal einen Blick in ihre Wohnung werfen, damit sie sich nicht gehen ließ. Aber da brauchte sie keine Angst haben, Jenny überspielte ihren Kummer mit Arbeitswut um keine Zeit zum Nachdenken zu haben. Sie räumte die Wohnung auf, sie machte einen verspäteten Frühjahrsputz, die Wohnung blitzte und blinkte. Heute aber hatte sie nichts zu tun, sie badete und wickelte sich im Schlafanzug in eine Decke, obwohl es draussen noch sehr mild war. Im Fernsehen lief nichts anständies, sie zappte ziellos durch die Kanäle ohne wirklich irgendwo hängen zu bleiben, sie blickte dauernd auf ihr Handy neben ihr, als würde sie es hypnotisieren, endlich zu klingeln.
    Irgendwann hatte sie genug. Sie wollte endlich wissen, was Kevin zu der Sache sagte, sie wollte seine Stimme hören. Ausserdem fand sie es komisch, dass auch er sich von sich aus nicht meldete... vielleicht aus Schuldgefühlen? War er auf der Flucht? Das Freizeichen kam Jenny lauter vor als sonst, und auch die Nummer schien auf einmal doppelt soviele Ziffern zu haben. Nur wenige Sekunden später ließ sie den Hörer enttäuscht sinken... Mailbox. Das Handy war ausgeschaltet, es lag schon mehrere Stunden in einem Schließfach der JVA.

    Einen Moment konzentrierte sich die junge Beamtin wieder auf das Fernsehprogramm, bis sie aufstand und das Telefonbuch nahm. Sie suchte nach Kevins Name und war erleichtert, als sie ihn fand und nebenan bereits die neue Adresse von Kalle, und damit auch die aktuelle Nummer. Sie fuhr sich mit der Zunge kurz unsicher über die Lippen und wählte dann mit zitternden Fingern die Nummer. Hier klingelte es diesmal, und es dauerte nur kurze Zeit bis jemand abhob. "Hallo?", hörte sie eine etwas eigenartige Stimme, eine Mischung aus Männer- und Frauenstimme... das war sicherlich Kalle. "Ähm... guten Abend. Entschuldigen sie die Störung... ich... ich wollte mit Kevin sprechen.", sagte Jenny unsicher. "Wer spricht denn da?", fragte Kalle mit ihrer, manchmal etwas herrischen Stimme nach, bevor sie an falsche Leute irgendeine Auskunft gibt, auch wenn sie Kevins Inhaftierung nicht wie ein Staatsgeheimnis behütete. "Hier ist... hier ist Jenny. Ich bin eine Koll... ich bin eine Freundin von ihm.", meinte sie, immer noch ein wenig unsicher.
    Jennys Stimme schien Kalles Herz zu erwärmen, ausserdem hatte Kevin mal Jennys Namen bei Kalle erwähnt. "Ich kann dir leider nicht helfen, Schätzchen.", sagte Kalle fürsorglich. "Aber hast du es denn nicht gewusst, wenn du eine Kollegin von ihm bist?" Jenny spürte, wie sich ihr Herz kurz zusammenkrampfte. Gewusst? Was gewusst??? Sie traute sich beinahe nicht, und ihre Stimme zitterte, als sie genauer nachfragte. Die Antwort schien ihr die Beine schwach werden zu lassen und sie war froh, dass sie bereits auf der Couch saß. "Kevin ist im Gefängnis."


    Dienststelle - 8:00 Uhr

    Ben war ausnahmsweise sogar pünktlich, hatte Kaffee aufgesetzt und bereits Frühstück gekauft. Obwohl er sich viele Gedanken machte, hatte er relativ gut geschlafen und er war gespannt, was er und Semir heute unternehmen würden, um weiter Licht ins Dunkel bringen zu können. Er hatte bereits eine Idee, doch er befürchtete, dass Semir dies ablehnen würde. Also musste der erstmal milde gestimmt werden, und das schaffte man am besten, wenn ein Schoko-Crossaint auf seinem Teller und eine dampfende Tasse Kaffee daneben stand. Der kleine Kommissar begann sich auch gleich über sein Frühstück her zu machen. "Womit habe ich denn das verdient?", grunzte er zufrieden, während des Kauens.
    Doch bevor Ben seine Gedanken an Semir bringen konnte, wurde ihr Frühstück unterbrochen. Die Tür flog auf, knallte wieder zu und Jenny stand in ihrem Büro, schnell atmend weil sie mit schnellen Schritten durch das Großraumbüro gegangen war. Ihre Erregung hatte sie bei Andrea im Auto, die später kam als Semir, noch zurückgehalten, doch jetzt musste es raus. "Warum habt ihr mir nichts gesagt?", fragte sie mit zittriger erregter Stimme in zwar normaler Lautstärke, man spürte aber dass sie diese nur schwerlich regulieren konnte. Ben und Semir schauten beide etwas ratlos, doch im Innersten wussten sie, worauf Jenny anspielte... sie hatte erfahren, dass Kevin im Gefängnis saß, etwas was die beiden vor ihr, gemeinsam mit der Chefin, verheimlicht hatten. "Was genau...", wollte Ben gerade vorsichtig fragen, als Jenny plötzlich lauter wurde... sie rief, nein sie stieß es beinahe aus, ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie ging zwei Schritte auf den Stuhl von Ben zu, als würde sie ihn angreifen wollen. "WARUM habt ihr mir nicht gesagt, dass er verhaftet wurde??"

    Jenny konnte ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren, und aus ihren Augen begannen Sturzbäche zu laufen... etwas, womit sie bereits die ganze Nacht verbracht hatte. Sie hatte unentwegt in ihr Kissen geweint, erst gegen Morgen in den Schlaf gefunden, vor Kummer um Kevin. Die Frage, ob er nun schuldig war oder nicht beschäftigte sie nicht weiter... sie spürte plötzlich eine Einsamkeit, und dass nun der Halt, denn sie gerade in ihrem Leben gefunden hatte, und den sie jetzt so sehr brauchte, weggebrochen war... vielleicht für die nächsten 25 Jahre.
    Ben reagierte besonnen, er schrie nicht zurück, er stand auf und nahm Jenny sofort in den Arm, die nun von der Wut in Verzweiflung fiel und begann bitterlich zu weinen. Semir schein das Crossaint im Hals stecken geblieben zu sein, er sah mit etwas aufgerissenen Augen herüber zu Ben, der Jenny nun festhielt und ihr sanft über die Haare strich. "Er hat mir versprochen, dass er mich nicht alleine lässt.", stotterte sie zwischen Schniefen und Schluchzen, und ließ den beiden Kommissaren das Herz schmerzen, als sie ihre junge Kollegin so verzweifelt sahen. Sie hätten ihr momentan das Blaue vom Himmel versprechen können, es hätte wohl zunächst nichts genutzt... trotzdem sagte Ben, in der Hoffnung sie trösten zu können: "Wir lassen ihn nicht hängen..."

    Drogendezernat - 16:30 Uhr

    Auf Bienerts Frage hin blickten sich die beiden Autobahnpolizisten kurz an. Sie wussten, dass sie ein Geheimnis, Jennys Vergewaltigung, nicht einfach weiter tratschen wollten. Aber der erfahrene Drogenfahnder hatte ihnen scheinbar ebenfalls reinen Wein eingeschenkt. Semir spürte nur einen kurzen, beinahe warnenden Blick von Ben, bevor er anfing zu reden. "Also, das ist folgendermaßen.", sagte er, strich sich kurz über die Lippen und verlagerte das Gewicht seines Oberkörpers ein wenig nach vorne, um aufrecht zu sitzen und konzentriert reden zu können. "Gestern mittag wurde Mark Schneider, ein Kommissarsanwärter, tot in seiner Wohnung aufgefunden." Bienert nickte kurz. "Davon hatte ich noch gehört... aber mich nachher nicht mehr erkundigt." "Jedenfalls hat eben dieser Mark Schneider eine Kollegin von uns...", er stockte kurz, ein kurzer Blick zu Ben, der nickte denn Semir hatte keinen Namen genannt... "...vergewaltigt, zwei Nächte zuvor. Eine Kollegin, die eng mit Kevin befreundet ist." Wieder ein Nicken seines Gegenübers, auch Thomas Bienert saß weiterhin aufrecht, und hatte eine denkende, konzentrierte Pose eingenommen, während Semir weiter erzählte. "Kevin wusste von der Vergewaltigung, und er wurde zur Tatzeit am Tatort gesehen. Und ich bin ehrlich, ich würde es ihm zutrauen, und könnte es ihm nicht verübeln, wenn er dem Kerl auf die Nase gehauen hat. Das Problem ist nur... der Typ ist jetzt tot. Laut medizinischem Bericht aufgrund eines gezielten Schlages auf die Brust, der Herzversagen auslöst. Ausserdem hat man in Hautabschürfungen an Kevins Hand Hautpartikel des Opfers gefunden. Er hat also sicher einmal zugeschlagen." Nun zog Bienert die Augenbrauen ein wenig nach oben und wiederholte: "Ein gezielter Schlag, der Herzversagen auslöst?" "Es handelt sich um eine spezielle fernöstliche Kampfkunst.", antwortete Ben und erntete ein dankbares Nicken von seinem Gegenüber, der davon noch nie gehört hatte... aber man musste ja nicht alles kennen. "Und Kevin beherrscht diese Kunst?", fragte er dann nach, doch Semir zuckte mit den Schultern. "Wir wissen nur, dass er sie kennt. Ob er sie beherrscht..." Er sah fragend zu Ben, der vor Wochen noch mehr Kontakt zu Kevin hatte, doch der zuckte ebenfalls mit den Schultern und schüttelte den Kopf.

    "Jedenfalls hat dies bisher ausgereicht um den Haftrichter zu überzeugen. Hauptkommissar Plotz hat nicht gezögert, davon Gebrauch zu machen.", meinte Ben und seine Verachtung gegenüber Plotz war in seiner Stimme nicht zu überhören. Bienert hob beinahe entschuldigend die Arme: "Seid ehrlich... bei dieser Indizienlage... was hättet ihr getan?" Ein Gefühl, das Semir bereits hatte und das Ben sich einfach nicht zugestehen wollte. "Was denkt ihr? Ich kenne Kevin jetzt nicht in und auswendig...", fragte Bienert quasi die Fragen aller Fragen. Semirs Gesichtsausdruck drückte Zerissenheit aus, sein Kopf wog hin und her, doch Ben kam ihm mit aller Überzeugung zuvor: "Er hat ihn nicht umgebracht. Kevin wüsste, was das für Folgen hat, vor allem wo er jetzt Hoffnung hatte, seinen Dienst wieder fort zu setzen, wenn er deinen Auftrag erfüllt hätte." Er stieß Semir an die Schulter an. "Oder? Das ist doch eine andere Ausgangslage, als wenn er keine Hoffnung mehr auf den Polizeidienst gehabt hätte." Das war richtig. Der junge Polizist war nicht in einer "Nichts-mehr-zu-verlieren"-Position, als er Schneider aufgesucht hatte, was dem ganzen einen etwas anderen Sichtwinkel gab. "Plotz sagt ihr, ermittelt in dem Fall?", fragte Bienert nach, und erntete zustimmendes Nicken. Beinahe zynisch lachte der Drogenfahnder auf: "Ein sehr umsichtiger Kollege. Bekannt dafür, alle falschen Fährten auszuschließen, bevor er einen Fall abschließt." Seine Stimme triefte vor Ironie und machte den beiden Autobahnpolizisten weiter Hoffnung, dass es auch noch andere Möglichkeiten gab. "Hast du Kontakt zu ihm? Kontakt, mit dem du ihn beeinflussen kannst?", fragte Semir, denn er wusste um das Ansehen Bienerts. Viele Kollegen, auch ältere nahmen sich Bienerts Rat gerne zu Herzen, aber in dem Fall schüttelte er den Kopf. "Plotz würde eher Diät machen, als einen Rat zu befolgen." Ben grinste und war überrascht, dass der zwar auf ihn angenehm wirkende Bienert auch Humor hatte.

    "Jetzt stellt sich nur die Frage...", meinte der Drogenfahnder, streckte seinen Körper etwas und lehnte sich wieder zurück in seinen Bürostuhl. "... wie kann ich euch helfen? Warum kommt ihr zu mir?" "Eigentlich wollten wir von dir wissen, was Kevin an dem Abend erzählt hat... aber das hat sich ja dadurch, dass er für dich arbeitet, erledigt.", meinte Semir etwas resignierend, er befürchtete bereits, ohne gutes Ergebnis hier aus dem Büro rauszugehen. "Aber helfen könntest du uns trotzdem...", meinte Ben dann plötzlich und beugte sich nach vorne. "Man hat in Schneiders Blut Rückstände von Drogen gefunden. Speed." Sofort arbeitete Bienerts Gehirn, in diesem Gebiet war er absoluter Experte, und wie aus der Pistole geschossen meinte er: "Speed gibts nicht mehr alzu oft. Was in den 90er auf jeder guten Party angeboten wurde, ist heute beinahe ein Exot." "Wenn wir dir die genaue Zusammensetzung zukommen lassen... könntest du mal recherchieren, wo oder von wem Schneider das Zeug haben könnte? Vielleicht hast du da ein paar Kandidaten, die für den Verkauf in Frage kommen. Ich glaube nicht, dass er das selbst hergestellt hat." "Das ist eine gute Idee. An diese Infos kommst du sicher schneller ran, als wir.", pflichtete Semir ihm bei, und Bienert nickte sofort. "Ich werde sehen, was ich tun kann." Er sagte es sicherlich auch aus Eigennutz, den ihm nützte es natürlich, wenn Kevin schnell wieder auf freiem Fuß war.

    "Weisst du... es geht uns nicht darum einen Mörder frei zu bekommen, nur weil er unser Freund ist.", sagte Semir nach einer kurzen Pause in Richtung Thomas Bienert. "Es geht uns darum, einem Freund zu helfen, der vielleicht unschuldig ist. Und wir wollen alle weiteren Möglichkeiten ermitteln, die in Frage kommen." Er erntete zustimmendes Nicken von dem erfahrenen Drogenfahnder. "Kevin kann froh sein, solche Freunde zu haben.", meinte er ehrlich. "Er wollte mich nach dem aufgeflogenen Drogendeal überreden, euch einzuweihen, was ich abgelehnt hatte. Es hat ihn ziemlich zu schaffen gemacht, euch so im Unklaren zu lassen." Diese Worte waren Balsam auf Semirs, und vor allem auf Bens Seele, der sich ziemlich viele Gedanken ob Kevins Verhalten gemacht hatte.
    Semir nahm einen Anruf, der sich durch ein Klingeln bemerkbar machte, an. Er hörte Bonraths aufgeregte Stimme. "Semir? Wo steckt ihr denn... die Chefin will, dass ich euch anfunke, und ich kriege keine Antwort. Hier ist das Büro gleich zu klein..." Semir sah auf die Uhr und erschrak fast... sie waren schon seit über einer Stunde nicht mehr erreichbar ohne sich vorher abzumelden. "Oh... ähm... versuchts in 10 Minuten nochmal, wir sind gleich im Wagen." "Lass mich nicht hängen...", meinte der lange Kollege und legte auf. "Was ist?", fragte Ben und sein Partner steckte das Handy weg. "Die Chefin ist auf 180..." Der junge Polizist verdrehte die Augen. "Dann soll sie aufpassen, dass sie nicht geblitzt wird." Bienert und Semir grinsten, sie reichten sich die Hände und verabschiedeten sich.


    Kevin's Zelle - 20:30 Uhr

    Kevin fand es fast beeindruckend wie der kleine, etwas hibbelig wirkende Philipp in einer Gedankenwelt seiner Bücher eintauchen konnte. Seit zwei Stunden hatte er sich nicht bewegt, saß an seinem Tisch und las. Er hatte nicht mit zum Essen gehen wollen, und der suspendierte Polizist versuchte nicht, ihn zu überreden. Als er wiederkam, sah er ein Tablett und einen leeren Teller auf Philipps Bett stehen. "Bekommst du hier Sonderbehandlung?", fragte er, als er sich wieder aufs Bett fallen ließ. Sein Zellenkumpane sah ein wenig schüchtern drein. "Die... die Wärter bringen mir manchmal was... weil sie wissen, was im Essensraum manchmal passiert, wenn ich dort essen will." Kevin konnte es sich ausmalen, und fragte nicht mehr nach.
    Eine halbe Stunde, bevor die Zellen geschlossen wurden, stand Thomas an der Tür. Er hatte ein Handtuch um die Schultern, kam gerade aus den Gemeinschaftsduschen. "Kannst du nicht schlafen?", fragte er unvermittelt in Kevins Richtung, der mit offenen Augen im Bett lag und die Decke anstarrte, während Philipp zusammenzuckte, und ein wenig ängstlich zu dem kräftigen Thomas blickte. Auch Kevin schaute kurz auf, sah dann aber wieder stumm zur Decke. Warum scheute er den Dialog mit Thomas, warum widerstrebte es sich ihm? War Jessy der Grund? Weil er sie nicht mehr besucht hatte... fühlte er sich deswegen ein wenig schuldig, und wollte das nicht vor dem Bruder des Mädchens zeigen?

    Der jedoch ließ sich von Kevins Ignoranz nicht abwimmeln, kam in die Zelle und setzte sich auf die Britsche. Beinahe widerwillig setzte sich auch der Kommissar auf, und blickte zu dem Mann neben ihm. "Reicht ein einfaches Danke nicht?", fragte er, im Bezug auf Thomas' Hilfe am Nachmittag. "Ich wollte mich bedanken.", sagte der dann und ließ sein Gegenüber die Augenbrauen verwundert hochziehen. "Wofür?" "Für deine Hilfe. Dank dir kann ich Jessy einmal in der Woche für eine halbe Stunde sehen... und das tut ihr sehr gut." Kevin dachte nach... er hatte doch gar nichts... Ben. Ben hatte ihm vor Wochen, als sie zusammenarbeiteten angeboten mit einem befreundeten Staatsanwalt zu sprechen, und vielleicht ein regelmäßiges Treffen hinzubiegen, dass sich Thomas und Jessy sehen konnte, nachdem er erfahren hatte, dass es Jessy nicht besonders gut ging. Er hatte sein Versprechen gehalten, ohne Kevin davon noch einmal zu erzählen, vermutlich nach dem der junge Polizist suspendiert wurde. Er spürte so etwas wie Ergriffenheit, dass Ben sich trotzdem darum gekümmert hat, obwohl die beiden nicht unbedingt in tiefer Freundschaft auseinander gegangen sind. "Ja... ich... das hat mein Kollege hingebogen." "Der, der Andreas...", begann Thomas nachdenklich, aber Kevin kam ihm zuvor. "Der andere."
    "Wenn du nicht schlafen kannst...", meinte Thomas nach einer kurzen Pause und hielt Kevin etwas hin, das wie zwei Zigaretten aussah. Dieser nahm die Dinge entgegen und betrachtete sie. "Gras?" "Keine Angst. Nichts gefährliches... aber es hilft am Anfang." Der Polizist sah ihn schief an. "Bist du irre? Wenn die Wärter mich mit dem Zeug erwischen, sitz ich noch länger als ohnehin schon." "Rauch es am Fenster, und niemand wird etwas merken. Wenn du heute nacht um 4 Uhr noch wach liegst, wirst du mir dankbar sein." Er klopfte Kevin auf die Schulter, erhob sich und verließ die Zelle.